, zum alten Zoll genannt. Hier wirst der
verschwenderische Rheingau die letzten Blüten aus seinem Füllhorn der
Landschaft zu Füßen, und der Strom ergießt sich mit königlicher Pracht in die
weite Ebene.
    Bardeloh führte mich nach Poppelsdorf hinaus, dem Kreuzberge zu. Das Schloss
Klemensruhe liegt wie schlummernd unter dem Schirmdach hundertjähriger
Kastanien, hinter ihm steigt der Weg an zum Teil niedergestürzten
Stationenbildern den Berg hinan. Die Kapelle liegt friedlich in heiterer Lust.
    »Das ist ein verhängnissvoller Weg,« sagte Bardeloh, »wenn Pastor Gleichmut
Wahres erzählt in seinem Manuskript. Sie haben es doch gelesen?«
    »Noch nicht ganz; der Lebensabschnitt, welcher sich eng anschliesst an diese
Partie, ist mir bekannt.«
    »Es ist Kraft in Gleichmut, wenn auch keine gesunde. Was überhaupt kann
jetzt noch gesund sein! Wir atmen ja lauter bösartige Dünste; ist's da ein
Wunder, wenn die Seele Pestbeulen treibt und der Schweiß des Geistes
krystallisirtem Arsenik gleicht?«
    »Gleichmut muss sehr unglücklich sein,« versetzte ich, »wenn er auch das
Gegenteil versichert.«
    »Wie Sie wollen! Oder meinen Sie, er würde glücklicher sein, wenn er weniger
gesündigt hätte, wie die gewöhnliche Welt seine moralische Experimentalphysik
nennen würde? Das kann Ihnen nicht einfallen. Sind Sie glücklich, der gegen
jenen Mann Unschuldige? Bin ich es, weil ich nur sündige im Zorn und Fluch
meines stillsten Gedankens? Es ist gleich, wie wir leben, tun wir es nur für
einen Zweck!«
    »Das sind jesuitische Grundsatze, die Sie selbst verwerflich finden müssen.«
    »Nichts finde ich verwerflich, mein moralisirender Freund. Gott hassen ist
bei mir eben so erhaben, als Gott lieben - es kommt dabei nur auf die Zustände
an. Ich möchte ein Buch schreiben himmlische Zustände. Das sollte sehr belehrend
sein, aber bitter wie Galle und kitzelnd wie Niesswurz. Die Welt ist verschnupft,
gebt ihr starke Priesen, das Prosit wird sie sich selbst rufen.«
    Die Kapelle lag vor uns, ein milder Wind spielte auf der schönen Höhe. Die
Aussicht war bezaubernd. Ein Heller Himmel breitete sich sanft und wärmend über
das Land, Fernen und Nähen lagen in scharf gehobenen Tinten, glänzend bewegt, um
und unter uns, ganz fern ragte Köln mit seinen vielen Türmen und dem Bruch des
schöpferischen Menschengedankens, dem Dom, aus violettem Duft und weisslich
glimmernden Nebelstreifen. Die ganze Stadt ist ein zerbrochener Satz von Typen,
der von der religiösen Begeisterung des Mittelalters auf das Gedenkbuch des
Herrn, die Erde, gedrückt wurde. - Es liegt viel Beruhigendes, aber auch nicht
minder Entnervendes in solcher Betrachtung. Unser eigener geistiger Tod tritt
vor den Blick, grell, ohne Schminke, ein Fratzenbild
