 verwandelt worden sind. O, es ist nicht gut, wenn
irgend ein Mensch oder eine Sache zu lange lebt! Je früher gestorben, desto
süßer und traumloser ist die Ruhe! -
    Als das Schiff bei Bonn anlegte, vermisste ich Bardeloh. Ich fand ihn, dem
Ansehen nach eingeschlafen am Vorderteil auf dem Glockengestell sitzen, aber er
grübelte nur über Gedanken der Zukunft, wofür die Gegenwart noch keine Furche
zur Aussaat aufgerissen hat. Er hatte nicht den geringsten Anteil genommen an
Freude und Lust der übrigen Reisenden. Mich beschäftigte die naive Laune eines
hübschen Landmädchens mit frischem Gesicht und munteren lebenslustigen Augen. Sie
erzählte mir, dass sie einen Schatz habe, der Winzer sei, aber gar jammervoll arm
und so blieb's immer nur bei einem Kusse, den er ihr Sonnabends regelmäßig mit
herzlicher Freude gebe. Das sei aber langweilig, meinte Nanette, und ich gab ihr
recht. Zur Abwechselung bot ich ihr auch einen Kuss. Sie lachte hell auf, ich
ließ nicht auf mich warten und sie schien über meine Freiheit nicht eben sehr
böse zu sein. Bei der Einmündung der Sieg ließ sich Nanette ausschiffen, ich
versprach sie zu besuchen und das liebe Kind lachte und grüßte mich noch aus der
Ferne, bis sie an's Ufer gestiegen war. Es haust ein munterer, natürlicher
Menschenschlag an dem glücklichen Strome.
    Bardeloh fragte gleichgültig, ob wir schon in Bonn seien, und verließ mit
mir das Schiff. Wir bezogen einen freundlichen Gasthof und gingen dann aus, ich
um die heitere Lage der Stadt mir einzuprägen, Bardoloh mehr aus Gewohnheit und
um doch sprechen zu können, wenn die Stunde der Mitteilung für ihn kommen
sollte. Oft scheint es mir, als sei Alles an diesem Menschen Instinkt, aber ein
höherer, intensiverer. Es hat selbst das Seltsame, Abschreckende in seinem
Handeln etwas Göttliches. Es ist das Abnorme vermenschlichter Göttlichkeit, was
bald laut und offen, bald geheimnisvoll verschwiegen, wie das dumpfe Donnern
einer Lawine, losbricht in dem Eisgletscher der Brust dieses Menschen. Doch
glaube ja Keiner, Bardeloh sei herzlos! Sein Herz ist nur so dicht mit Wunden
bedeckt, dass Niemand die ursprüngliche Gestalt aus dieser zitternden Muskel des
Schmerzes erkennen kann.
    Durch Gleichmut's Selbstbiographie war mir Bonn merkwürdiger geworden als
durch seine Sehenswürdigkeiten. Dass Beethoven hier geboren, wusste ich, die Stadt
selbst aber mit ihren Bewohnern schien wenig Notiz davon zu nehmen. Die uralte
gotisch- byzantinische Münsterkirche mit der vortrefflichen Statue der Kaiserin
Helena, die ihre Gründerin gewesen, mag für Liebhaber der Baukunst interessanter
sein, als für einen Menschen, der dem Leben abzugewinnen sucht, was ihm bisher
entzogen blieb - freie Bewegung. Freundlich stürzt uns die Natur in die Arme auf
der prachtvollen Rheinterrasse
