 sich ein Kölibat, dessen Folgen mit Vernichtung der urewigen
sittlichen Weltordnung endigen werden.«
    Wahrlich! das Weib sprach so ruhig und wahr, dass ich mich einen Augenblick
vor mir selbst schämte, und nahe daran war, Bardeloh zu zürnen. Rosalie hatte
Recht. Dieses weibliche Element, das sie der modernen Welt gerettet sehen will,
lässt man allerdings zu sehr außer Acht, allein wer mag denn die Frage
beantworten, ob es wohl jetzt auch schon an der Zeit sei, Rücksichten zu nehmen
auf das sanft Begrenzende, jetzt, wo es ja wesentlich auf ein Niederreissen alles
Begrenzten, Abgeschlossenen und Hemmenden ankommt? Nur so viel scheint mir
einleuchtend, dass dieser weltstürmende Bardeloh in Rosaliens liebreizender
Engelsgestalt eine Beschützerin zur Seite hat, die den Ungestümen nicht wird
sinken lassen in den Abgrund eines völligen Unterganges.
    Mich ergreift ein unaussprechlich schmerzhaftes Weh, ich möchte es das Weh
eines ganzen Weltteils nennen, wenn ich die Zukunft hineinrechne in die
Gegenwart. Zwar sollte ich diese Klage nicht vor das Forum Deines Herzens
bringen, das keinen Puls, kein Gefühl kennt für dies mein Leid. Indes ich will
es wagen und appellire an Deine Diskretion oder Toleranz, wie Du es nennen
magst. Bist Du bemüht, Proselyten zu machen, so wirst Du mir gewiss auch das
Recht zugestehen, das für wahr Erkannte dem Opponenten gegenüber zu
verteidigen. Ist es nicht ein wahnsinniges Beginnen, frische Lebenswege nach
dem Toten, Vergangenen abzumessen? Unsere Zeit siecht an der Epidemie, unsere
eigenen Lebenswirren nach Art langst in Staub zerfallener Epochen schlichten zu
wollen. Darüber ist sie in Streit geraten mit dem ewigen Geist der Geschichte
und dem Gott der Welt. Sie hat nicht bedacht, dass ein Vervollkommnen alles Seins
auch alte Zustände vernichtet. Nun ringt der Geist, eingesunken in den Schlamm
und Moder vieler Jahrtausende, ohne Rast und Erfolg, weil er zu bedenklich ist,
einen Frevel zu begehen, der in sich selbst keiner mehr wäre, sobald der Gedanke
sich consolidirte zur Tat. In diesem Schwanken und Zaudern besteht die
Unmoralität der Gegenwart wie aller Geschichte. Brechen wir los mit einer ganzen
vollen Tat, die in ihrer Offenbarung schon sich als Sieg darstellt, so erkennt
alle Welt das als bloßen Wunsch für Unmoralität Verachtete in seinem Gelingen
als einen moralischen Fortschritt, und folgt willig dem Vorausgegangenen. Moral
ist ein vager, leerer Begriff, die Tat erst gibt ihr den Freibrief der
Göttlichkeit. Aus den Konflicten fällt die Wahrheit dem zu, der mit dem letzten
Wort den Gegner zum Schweigen bringt. Dies ist das Recht des Stärkeren im Reich
der Geister. Es wird gelten, so lange es eine Welt gibt, und darin besteht das
eigentliche Kriterium alles Wahren und Guten, das nur insofern ein absolutes
sein kann,
