 herzustellen. Ihr sei
dies so ziemlich gelungen, bei Richard aber, meinte sie, träfen zu viele Übel
zusammen, um eine Heilung des Körpers in so kurzer Zeit bewerkstelligen zu
können.
    »Richard,« sprach sie, »leidet weniger körperlich als geistig, und auch
dieses geistige Leiden ist nicht wie gewöhnlich ein Symptom seelischen
Krankseins, sondern eher der Beweis überkräftiger geistiger Gesundheit. Es wird
Ihnen dies sonderbar vorkommen, sollten Sie aber durch ein längeres
Zusammenleben mit uns Richard näher kennen lernen, so werden Sie meine
Behauptung bestätigt finden.«
    Rosalie schien sich zu erheitern, ich war daher bemüht, den Moment
aufknospender Gemütsfreudigkeit festzuhalten und wo möglich zu verlängern. Ich
tat einige unbedeutende Fragen, die jedoch selten bei einem weiblichen Gemüt
ihres Zweckes verfehlen. Ich gedachte der Häuslichkeit und der Rückkehr zu
gewohnten, liebgegewonnenen Oertlichkeiten.
    »Das wäre gewiss mein süssestes Vergnügen,« erwiderte Rosalie, »wenn für
Richard nicht gerade daraus der Giftquell neuen Schmerzes träufelte. Alles
Gewöhnte und Stillebehagliche hasst er mit einem Abscheu, der mich oft besorgt
macht um seinen Geist. Wohl begreife ich, woher sich dieser Hass schreibt, aber
es ist Unrecht, der stillen Freude, die lieblich und mit dem Friedensblick eines
Kindesauges voll gewinnender Unschuld sich uns anschmiegt, bitter
entgegenzutreten. Man soll den Himmel nicht verhöhnen, wenn er uns nur den Glanz
der Sterne gönnt, nicht die Flamme selbst, die jene Welten belebt. Warum einen
Frevel begehen an seinem Glück und an sich selbst unter Verhältnissen, deren
Änderung nicht in die Hand Eines Individuums gegeben ist? Mir scheint es immer,
als schwelle die Qual der Seele zur unerträglichen Bergeslast an, wenn wir zu
stolz oder zu hart sind, den Moment zu erfassen, in dem oft ein wunderbarer
Zauber der Beschwichtigung liegt. Noch hat es - dies ist meine Überzeugung -
keine Zeit gegeben, in der sich alle Wünsche erfüllten. Hart freilich drückt der
Zwang der Verhältnisse auf die freie und glückliche Entfaltung unserer
Lebenskeime. Die Gegenwart ist zum Alp geworden, der uns ängstigt und selbst den
schönen Frieden eines kindlichen Herzens zerquetscht. Immer jedoch bleibt noch
eine Hoffnung, die zur Rettung werden kann bei sicherem Wagen und vorsichtigem
Umhertasten. Möchte nur die schroffe Männlichkeit, die in vielen unserer
bedeutenderen Menschen zu ungebunden hineinschlägt in das Getriebe des
Weltlebens, sich enger verschwistern mit dem weiblichen Teile des Daseins. Der
starke Geist sollte eine stille, heilige Ehe eingehen mit der hingebenden
Sanftmut weiblicher Empfindung. Wie das Streben so vieler tüchtiger Männer auf
Freibleiben zielt, so verachten sie auch eine geistige Ehe. Man trennt zu viel,
zu schroff, in der Absicht, durch unerbittliches Scheiden die zerrissenen Teile
zu freiwilliger Einigung zu nötigen; aber ich fürchte, aus diesem Zerspalten
entwickelt
