 Ehe habe, ich achte und ehre sie und wünsche
dereinst ihr Glück zu genießen, aber die Erinnerung an die freie Vergangenheit
würde meine Liebe schwächen und die Begeisterung herabsinken zu gewöhnlicher
Liebelei. Und wäre dies nicht entsetzlich, entwürdigend? - Sei nur nicht böse
über meine Zweifel. Es kommt mir nun einmal so vor. Irre ich, so belehre mich
eines Besseren!«
    Die Menschen haben wunderliche Begriffe von Wahrheit, Tugend, Religion und
Sittlichkeit. Ich fühle, wie ich blutdürstig werden könnte als Mann, wenn mir
das Gesetz die Heiligkeit des Lebens vorschreiben oder zum Verbrechen machen
wollte, sobald ich unbegrenzt forderte, wozu die Vernunft ein Recht hat!
Gottlob, dass ich ein Weib bin und nicht zurechnungsfähig! Stimme nicht für die
Emancipation der Frauen, Sigismund, ich gebe Dir statt hundert Küssen hundert
Ohrfeigen, die Zinsen nicht mitgerechnet! Ich mag nicht emancipirt sein zur
Gebundenheit männlicher Qual! Ich will kindisch bleiben und eigenwillig, um
lieben zu können, frei, begeistert, ohne Maß, genial, wie der Augenblick es
heischt, der mein Gott und mein Heiland ist! Sigismund, tausend Küsse Deinem
Sieg begehrenden Munde! Diese Rosenblätter hier nimm statt verkörperter
Liebeshauche. Ich habe sie alle geweiht im Duft meiner heißesten Gedanken. Wenn
Du ein liebendes Auge besitzest, findest Du in jedem ein getreues Konterfei des
Lippenpaares, dem Du vertraut hast, dass es keinen Gott gibt im Himmel und auf
Erden, ohne die Liebe. Es war ein süßes Geständnis, es hatte meinen Beifall.
Nicht allein »Gott ist die Liebe,« sollte es heißen, sondern auch: »die Liebe
ist Gott!« -
                                                                  Deine Auguste.
    Nein, Raimund, noch bin ich nicht unglücklich. Wer ein Wesen an seiner Seite
fühlt, wie dieses Mädchen, der hat noch zu hoffen Großes, Schönes, Ewiges in der
Welt. Auguste hat recht, sie löst spielend, wie die Unschuld immer, die
schwierigsten Probleme weltlicher Gestaltung. So lange die Weiblichkeit rein
bleibt und frei, steht der Menschheit mit ihren tausend Schmerzen noch kein
Untergang bevor. Wäre uns nur vergönnt, das auch eben so leicht zur
Allgemeinheit der Anschauung zu erheben, was die Genialität des liebenden Weibes
in ihrer göttlichen Unmittelbarkeit erkennt. Aber das ist es ja eben! Wir
verkümmern in der Einsamkeit unseres Wunsches, dem kein Hebel gegeben zur
Tatgestaltung. Es fehlt an einer Basis, die Frucht jahrhundertlangen Denkens
groß zu wiegen zur Jugend. Die Kinder der Taten sind vorhanden, aber sie
ersticken am Zulp, den ihnen das Zeitalter der Priesterherrschaft, mit saurem
Brei gefüllt, in den Mund gedrückt hat. Die Zeit kriegte die Schule davon und
stirbt nun an Krämpfen. -
    Während ich dies schreibe, fühle ich im
