, denn es war mir nie klarer geworden als jetzt, dass Tausende und
Abertausende mit diesem Bardeloh sich nicht emporarbeiten können zum frohen,
lichten Tatendrange, weil die Kette der Ohnmacht angeschweisst worden an das
warme Fleisch ihrer Herzen!
    Nach langem Schweigen trat Bardeloh wieder zu mir und legte seine Hand auf
meine Schulter. »Sie sind noch ein schuldloses Kind in Ihrem Jammer,« sprach der
seltsame Mann. »Ich würde mit Ihnen sprechen von meinen Hoffnungen und
Befürchtungen, aber ich muss ausrufen wie Christus: Ihr könnt es noch nicht
tragen!«
    »Mord, Selbstmord!« stammelte ich halblaut vor mich hin, während Bardeloh's
Worte klagend durch meine Seele schrien.
    »Wer spricht von Selbstmord?« erwiderte mit der Sicherheit des klarsten
Bewusstseins mein neuer Bekannter. »Eine Tat ist kein Mord. Tun Sie etwas,
geisseln Sie die Menschen bis auf's Blut zur Tat, sein Sie ein Despot der
Freiheit, und lassen Sie die scharfen Drachenzähne der Freiheitspeitsche tief
einhauen in das Fleisch der Sklaven fluchwürdiger Erschlaffung; so morden Sie
nicht, sondern befreien bloß. Hat ein Mensch die Rückenmarkschwindsucht, weckt
nur der glühende Stahl das verdorrte Lebensmark, oder glauben Sie, dass eine
schwindsüchtige Welt mit Pfefferkuchen und Marzipan zu heilen sei? Schlagt sie
in die glühenden Ketten der Scham, so wird sie gesunden!«
    Hier klang wehmütig klagender Hörnerruf von dem linken Rheinufer herüber
und hüpfte von Fels zu Fels, von Berg zu Berg, vielfach gebrochen auf der
Tonleiter des Echo in die Ferne. Das Schiff steuerte vorüber an den Klippen des
Lurlei. Bardeloh's Auge schien die Töne zu trinken; er horchte lange den
fernzitternden Schwingungen der beschworenen Rheinnymphe, sah stumm und kalt das
Schiff über den Strudel des wilden Gefährts brausen und stieg dann hinab in den
unteren Raum zur Maschine, in dessen glühender Atmosphäre die Arbeitenden wie
Kyklopen von Glut und Asche gebräunt die bewegende Flamme unterhielten. -
    Rosalie hatte keinen Teil genommen an meinem Gespräch mit ihren Gatten.
Schweigend genoss sie die vorüberziehenden Reize der Ufer und schien übrigens
viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie dem lebhaften Verkehr der
manigfaltigen Fremden hätte Interesse abgewinnen können. Durch mein
Bekanntwerden mit ihr hielt ich mich für berufen, sie als eine Schutzbefohlene
zu betrachten und nahm wieder Platz an ihrer Seite. Sie gewahrte mich kaum, als
sie teilnehmend und bewegt nach Richard fragte. Beruhigt durch meine Antwort
fuhr sie fort, mir einiges Nähere über ihren Gatten mitzuteilen, wobei sie
jedoch mit weiblichem Zartsinn Alles umging, was mich tiefer in die geheimeren
Verhältnisse ihres gegenseitigen Lebens hätte blicken lassen. Ich erfuhr, dass
sie aus Wiesbaden zurückkehrten, wo sie während eines Monates die Heilquellen
gebraucht, um ihre beiderseitig wankende Gesundheit wieder
