
    Die Siegel des Testaments wurden gleichfalls als unverletzt anerkannt, der
Schreiber brach sie auf Befehl und hob, deutlich, dass niemandem ein Laut
entging, folgendermaßen zu lesen an:
                       Zwischenbetrachtung des Erzählers
- O Menschenschicksal! Menschenschicksal! An welchen jähen Abgründen taumelst du
wie ein Nachtwandler hin! Durch das goldene Tor von Byzanz träumst du, zu
schreiten, dem Pfauentrone des Moguls in Delhi wähnst du, dich zu nähern, da
tönt der weckende Ruf, und du liegst zerschmettert unten, herabgestürzt von der
Firste des Dachs, über welche du bewusstlos klettertest! Wie hatte Kernbeissers
Blässe recht, wie hatte der schwarze Rabe recht, wie hatte ich recht, als ich
von der Möglichkeit eines dritten Falls reden wollte!
    Das Testament des Magisters Schnotterbaum enthielt folgende Bestimmungen und
Aufschlüsse.
    »Da der Tod eine gewisse, Zeit und Stunde desselben aber eine ungewisse
Sache ist, so habe ich mich entschlossen, bei allbereits merklicher Abnahme
meiner Kräfte, jedoch völlig gesundem Verstande meinen letzten Willen
aufzurichten. Ich habe immer zu den Leuten gehört, welche auf Erden ihren Willen
nicht haben sollten, aber meinen letzten will ich haben und durchsetzen.
    Blutarm bin ich in die Welt gekommen, blutarm bin ich auf derselben gewallt
und blutarm werde ich sie aller Wahrscheinlichkeit nach verlassen. Aber ein
Testament darf auch der Ärmste machen, und daran kann ihn kein Tyrann
verhindern. Ich hoffe nicht missverstanden zu werden, wenn ich daran erinnere,
dass des Menschen Sohn, welcher nicht hatte, da er sein Haupt hinlegen sollte,
ein Testament errichtete, aus welchem die Geschlechter zweier Jahrtausende
Erbgenahmen worden sind. Diesen Menschensohn, genannt Jesus der Christ, habe ich
zeitlebens liebgehabt, aber ganz in der Stille; nicht wie Regan und Goneril
ihren Vater liebten, sondern gleichsam à la Kordelia, oder da ich generis
masculini bin, à la Kordelius. Ich wurde deshalb für einen bösen Christen und
Ateisten gehalten, welches ich mir wohl gefallen lassen konnte, da ich die
Liebe der Regans, Gonerils, der Edmunde und Kornwalls an ihren Früchten
erkannte.
    Ich besitze an zeitlichen Gütern drei Stücke, nämlich meinen sterblichen
Leichnam, eine natürliche Tochter und einen alten von mir durchaus zerlesenen
Juvenal, Göttinger Ausgabe von Vandenhoeck vom Jahre 1742. Über meinen Leichnam
eröffne ich die Sukzession der Aszendenten, vermache ihn nämlich der Mutter
Erde, und mag er zusehen, wie er darin zu seiner Auferstehung kommen will;
vorderhand wünsche ich, zu schlummern. Meine natürliche Tochter vermache ich
ihrer Nähterei, welche ich sie habe mit allen Feinheiten dieser Kunst erlernen
lassen. Um meinen Juvenal sollen die Hauptstädte der Welt würfeln, und welche
die niedrigsten Augen wirft, ihn haben und behalten als immerwährendes
Fideikommiss.
    An ewigen und unzeitlichen Gütern besitze ich eine große Wahrheit und deren
