. Ganz besonders brachte mir mein sogenannter Vater
den heftigsten moralischen Widerwillen gegen das Lügen bei, weil der Großvater
durch dieses Laster das ganze Familienglück zerstört hatte. Er folgte in manchen
Dingen seinen eigenen Grundsätzen, mein sogenannter Vater, und hielt erstaunlich
viel auf die Gewalt der ersten sinnlichen Eindrücke in der Jugend. Ich bekam
daher alle Sonn- und Feiertage eine allegorische Figur der Wahrheit, aus
Honigkuchenteig gebacken, zu verzehren, nämlich, eine unbekleidete Person, die
Augen zwei Rosinen, die Nase eine Bamberger Pflaume, auf der Brust eine Sonne
von Mandelkernen. Hatte ich nun diese Allegorie mit Wollust verspeiset, so wurde
mir dabei unaufhörlich wiederholt: Süss, wie der Honigkuchen, ist die Wahrheit.
Wenn ich mir aber den Magen verdorben hatte, und Rhabarber einnehmen musste, so
hieß es im einschärfendsten Tone: Das ist der bittere Trank der Lüge.
    Die Richtigkeit der Methode bewährte sich an mir. Ich bekam wirklich einen
unbesieglichen Abscheu gegen das Lügen und kann wohl sagen, dass aus meinem Munde
nie ein unwahres Wort gegangen ist, mit einer einzigen Ausnahme, die aber sofort
sich bitter an mir rächte. Lange Zeit konnte ich der Wahrheit oder gewisser
Wahrheiten nicht denken, ohne dass mir Honigkuchen, Rosinen und Mandelkerne und
Bamberger Pflaumen einfielen, endlich erhob ich mich freilich zu gereinigteren
Vorstellungen.
    Was aber die einzige Lüge meines Lebens, und ihre Folgen betrifft, so ging
es damit folgendermaßen zu. Ich sitze eines Tages in meinem Zimmer am
Schreibepult, und habe eine sehr notwendige Arbeit vor. Der Bediente meldet mir
einen Besuch. Geh hinaus, sage ich, ich wäre nicht zu Hause. Der Herr wäre nicht
zu Hause, sagt er draußen. Sowie der Mensch seine Botschaft ausgerichtet hat,
und ich höre, dass mein Besuch abzieht, spüre ich eine Unruhe, die mich am Pult
nicht weilen lässt; ich muss aufspringen, es wird mir heiß, es wird mir kalt,
jetzt wird mir so, dann wird mir so; der Rhabarber fällt mir ein aus meinen
Jugendjahren und dessen allegorische Deutung, die Phantasie tritt in ihre
ungeheuren Rechte, die geheimen Bezüge zwischen Seele und Leib fangen an zu
ziehen, immer wesenhafter, kreatürlicher wächst die Idee des Rhabarbers in mir,
bald bin ich vom Kopf bis zur Fusszehe jeder Zoll Rhabarber, die Natur folgt der
Vorstellung, das Übel bricht aus - - Sie erraten das übrige! -
    Die Folgen meiner Lüge, durch Rhabarber-Allegorie-Erinnerung bedingt, treten
mit einer Stärke auf, vor welcher die Wissenschaft scheu zurückweicht.
Vierundzwanzig Ärzte gab es in der Stadt; alle kommen nach und nach zu der
leidenden Kreatur. Vierundzwanzig Ansichten werden laut, Vierundzwanzig
verschiedene und entgegengesetzte Mittel werden verordnet. Der erste hält die
Krankheit für
