
und restaurieren. Es war seine erste Obliegenheit, dies zu begreifen, es war die
Lebensfrage für ihn, ob er sich mit dem Heiligtum deutscher Gesinnung und
Gesittung nunmehr inniglich verbünden, allem wahrhaftquellenden geistigen Leben
der Gegenwart Schirm und Schutz geben möchte, damit das Zauberbad dieses Lebens
seine altersstarren Glieder verjünge. Er hat seine Stellung und diese Frage
nicht verstanden, hat in allerhand kleinen Hausmittelchen seine Erkräftigung
gesucht, und ist darüber obsolet geworden. Nie und zu keiner Zeit hat ein Stand
anders als durch Ideen existiert. Auch den ersten haben Ideen geschaffen und
erhalten, anfänglich die der Kampfestapferkeit und Lehnstreue, demnächst die der
besonderen Ehre. Gegenwärtig ist durch die Errettung des Vaterlandes, welche von
allen Ständen ausging, die höchste Ehre ein Gemeingut geworden; weshalb denn die
oberen Stände das Protektorat des Geistes hätten übernehmen müssen, wenn sie
wieder etwas Besonderes sein und vorstellen wollten.«
    »Ich habe«, sagte der Jäger kleinlaut, »in einer hohen und vornehmen
Familie, die ich vor kurzem auf meinen Streifereien kennenlernte, die
zwanzigjährigen Töchter auf gut schwäbisch mit der Iphigenie bekannt machen
müssen, welche sie noch nie gelesen hatten, weil die Eltern Goethe für einen
jugendverführerischen Schriftsteller hielten.«
    »Und wer weiß, ob das Haupt dieser Familie, welche ich übrigens nicht kenne,
nicht eine von den Figuren ist oder sein wird, welcher man Bahnen der Kultur
anvertraut?« sagte der Diakonus. »Der unbefangene Beobachter hat in dieser
Hinsicht zuweilen die erschreckendsten Kontraste anzuschauen. Nun müssen Sie
einräumen, dass ein französischer Marquis oder Duc, von dem eine gleiche Barbarei
gegen einen Klassiker seiner Nation verlautete, in der Pariser Sozietät für
Lebenszeit verloren wäre.«
    »Das Beispiel von Frankreich fordert hier von selbst zur Frage auf«, sagte
der Jäger. »Wie kommt es nur, dass sich dort ganz natürlich gemacht hat, was bei
uns nie zustande kommen will, nämlich: ein beständiger Kontakt der Großen mit
den Geistern und mit dem Geiste der Nation, eine zarte Achtung vor dem geistigen
Ruhme der Nation, und eine unbedingte Anerkennung der Literatur, als der
eigentlichen Habe der Nation?«
    »Die französische Nation, ihr Geist und ihre Literatur haben und sind
Esprit«, versetzte der Diakonus. »Der Esprit ist ein Fluidum, welches die Natur
unter den zu seiner Erzeugung günstigen Voraussetzungen an ganze Länder und
Völker austeilen kann. Es ist also dort in Frankreich eine natürliche Brücke von
dem Volksgeiste und von der Literatur zu dem Geiste der vornehmen Klassen
geschlagen, letztere ergreifen in ihrem Interesse ohne Anstrengung nur das ihnen
Gleichartige. Wir haben keinen Esprit. Unsere Literatur ist ein Produkt der
Spekulation, der freiwaltenden Phantasie, der Vernunft, des mystischen Punkts im
Menschen. Die Gaben dieser von
