 einer derselbe Freund
auch die blutige Tat der armen, schönen, bejammernswerten Frau ableitete, deren
Unglück darin bestand, einen mittelmäßigen Dichter und großen Selbstling
geheiratet zu haben, liegen dem Volke ganz fern. Das ganze potenzierte und
destillierte Genre, der Hermaphroditismus des Geistes und Gemütes, welchen die
Musse eines langen Friedens hie und da erzeugt hat, wird dem Stock und Stamm der
Gemeinschaft immer fremd bleiben.
    In dieser ortopädischen Anstalt gerader und normaler Verhältnisse legten
sich denn meine etwas verbogenen Glieder auch wieder zurecht. Freilich muss man
in der Stille und Abgeschiedenheit von den brausenden Strömungen der Gegenwart
auf sich wachen, denn die Gefahr des Verbauerns steht auch nahe, indessen noch
hange ich durch stille aber feste Fäden mit dem Weltganzen zusammen, nur mit dem
Unterschiede, dass sie sich jetzt bloß um die Gegenstände schlingen, zu denen
mich ein geistiges Bedürfnis hinweist, während ich mir früher manches geistige
Bedürfnis, wie es so manche unserer Zeitgenossen machen, einzubilden wusste.«
    Der Jäger ging nach dieser Rede des Diakonus schweigend und mit gesenktem
Haupte neben ihm her. »Was ist Ihnen?« fragte sein Bekannter nach einer Pause.
    »Ach«, sagte jener, »Ihr Bild vom deutschen Volke ist wahr, und es macht
mich nur traurig, dass teilweise über dieser Grundfläche ein so wenig
entsprechender Gipfel steht. Dieses tüchtige Volk würde bei weitem mehr
ausrichten, es würde weit entschiedener Front machen, wenn in den höheren
Ständen eine gleiche Tüchtigkeit lebte! Schlimm, dass ich, ich selbst sagen muss:
Dem ist nicht so.«
    »Leider«, erwiderte der Diakonus, »sind unsre höheren Stände hinter dem
Volke zurückgeblieben, um es kurz und deutlich auszusprechen. Dass es viele
höchst ehrenwerte Ausnahmen von dieser Regel gebe, wer wollte es leugnen? Sie
befestigen aber eben nur die Regel. Der Stand als Stand hat sich nicht in die
Wogen der Bewegung, die mit Lessing begann und eine grenzenlose Erweiterung des
gesamten deutschen Denkens, Wissens und Dichtens herbeiführte, getaucht. Statt
dass vornehme Personen geboren sind, die Patrone alles Ausgezeichneten und
Talentvollen zu sein, halten bei uns noch viele Große das Talent für ihren
natürlichen Feind, oder doch für lästig und unbequem, gewiss aber für
entbehrlich. Es gibt ganze Landstriche im deutschen Vaterlande, in welchen dem
Adel, ein Buch zu lesen, noch immer für standeswidrig gilt, und er statt dessen
lärmende, nichtige Tage abhetzt, wie in den Zeiten jener Bürgerschen
Parforcejagd-Ballade. Das Aufallendste hiebei ist, dass selbst nach der
ungeheuren Lehre, welche die Weltkriege den Privilegierten erteilt hatten, diese
noch nicht eingesehen haben, es sei mit dem leeren Scheine nunmehr für immer
vorbei, und der erste Stand müsse notwendig sich in sich selber gründlich fassen
