 unschuldig, treu,
tapfer, und hat alle diese Tugenden sich bewahrt unter Umständen, welche andere
Völker oberflächlich, frech, treulos, feige gemacht haben.
    Ich werde nicht, wie Levaillant die Tugenden der Hottentotten auf Kosten der
europäischen Zivilisation herausstrich, den Lobredner idyllischer Rustizität und
kleinbürgerlicher Enge machen, ich fühle sehr wohl, dass uns allen durch den
Umschwung der Zeiten die Neigung zu glänzenden, geschmackvollen Dingen, zu einer
Art von Aristokratie des Daseins mitangeboren ist, welche außerhalb der
Mittelverhältnisse liegt, und von der wir uns, ohne an der Natürlichkeit unseres
Wesens Einbusse zu leiden, nicht losmachen können, aber ich muss doch folgendes
aus meiner eigenen Geschichte hier anführen. Ich war, da ich jenen jungen
Vornehmen zu führen hatte, während ich noch selbst der Führung gar sehr
bedürftig war, unter allen den geistreichen, eleganten, schillernden und
schimmernden Gestalten der Kreise, die mir durch mein damaliges Amt zugewiesen
waren, ebenso geistreich, halbiert, kritisch und ironisch geworden, wie viele;
genial in meinen Ansprüchen, wenn auch nicht in dem, was ich leistete,
unbefriedigt von irgend etwas Vorkommendem, und immer in eine blaue Weite
strebend; kurz ich war dem schlimmeren Teile meines Wesens zufolge, ein Neuer,
hatte Weltschmerz, wünschte eine andere Bibel, ein anderes Christentum, einen
andern Staat, eine andere Familie, und mich selbst anders mit Haut und Haar. Mit
einem Worte, ich war auf dem Wege zum Tollhaus, oder zur insipidesten
Philisterei; denn diese beiden Ziele liegen meistens vor den Füßen der modernen
Wanderer. Und da bin ich denn doch erst hier zwischen den wunderlichen aber
achtbaren Originalen meiner Mittelstadt und unter diesen ländlichen Wehrfestern
wieder zu mir selbst gekommen, habe Posto gefasst, den Schaum der Zeit von mir
weichen sehen und Mut bekommen, mir ein liebes häusliches Verhältnis zu gründen.
Denn in dem Volke sind die Grundbezüge der Menschheit noch wach, da ist das
richtige Verhältnis der Geschlechter noch fest ausgeprägt, da gilt das Geschwätz
noch nichts, sondern das Gewerbe und der Beruf, den jeder hat, da folgt der
Arbeit in gemessener Ordnung die Ruhe, da ist von den Vergnügungen das Vergnügen
noch nicht verbannt. Hören Sie den Jubel in der Stadt oder auf dem Lande bei
sonntäglichen Tänzen, bei Hochzeiten und Scheibenschiessen, und urteilen Sie, ob
der Spaß so bald in der Welt aussterben wird, wie die grämlichen Jünglinge der
Gegenwart meinen? Es gibt Müßiggänger, schlechte Ehen und böse Weiber auch hier
in Stadt und Land, aber sie heißen bei ihren und nicht bei vornehm umgebogenen
Namen. Jene Mischungen von Langeweile und Begeisterung endlich, wie sie mir
einst ein Freund treffend nannte, aus denen in den sublimierten Kreisen der
Gesellschaft manches Perverse hervorgeht, und aus deren
