 noch auf der andern Seite eine
Knechtschaft, vielmehr bei beiden nur die Innigkeit des vollkommensten
Wechselbezuges entsteht.«
    »Es freut mich«, rief der Diakonus, und drückte dem Jäger die Hand, »dass Sie
die Sache so ansehen, über welche vielleicht ein anderer gespöttelt haben würde,
daher es mir, wie ich Ihnen nun gestehen darf, im ersten Augenblicke auch gar
nicht recht war, in Ihnen unvermutet einen Zeugen jener Szenen zu finden.«
    »Gott bewahre mich, dass ich über etwas, was ich in diesem Lande gesehen,
spöttelte!« versetzte der Jäger. »Ich freue mich jetzt, dass mich ein toller
Streich zwischen diese Wälder und Felder geschleudert hat, denn sonst würde ich
die Gegend wohl nicht kennengelernt haben, da sie auswärts wenig in Ruf steht,
und in der Tat auch nichts Anziehendes für abgespannte und überreizte Touristen
haben kann. Aber mich hat hier die Empfindung stärker, als selbst in meiner
Heimat angefasst: Das ist der Boden, den seit mehr als tausend Jahren ein
unvermischter Stamm trat! Und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im
Rauschen dieser Eichen und des uns umwallenden Fruchtsegens fast greiflich
möchte ich sagen, entgegen.«
    Es ergaben sich aus dieser Äußerung Reden zwischen dem Diakonus und dem
Jäger, welche beide führten, indem sie der Karre langsam folgten.
 
                                Zehntes Kapitel
                   Von dem Volke und von den höheren Ständen
»Das unsterbliche Volk!« rief der Diakonus. »Ja, dieser Ausdruck besagt das
Richtige. Ich versichere Ihnen, mir wird allemal groß zumute, wenn ich der
unabschwächbaren Erinnerungskraft, der nicht zu verwüstenden Gutmütigkeit und
des geburtenreichen Vermögens denke, wodurch unser Volk sich von jeher erhalten
und hergestellt hat. Rede ich aber von dem Volke in dieser Beziehung, so meine
ich damit die besten unter den freien Bürgern und den ehrwürdigen, tätigen,
wissenden, arbeitsamen Mittelstand. Diese also meine ich, und niemand anders
vorderhand. Aus ihnen aber, und aus dieser ganzen Masse haucht es mich wie der
Duft der aufgerissnen schwarzen Ackerscholle im Frühling an, und ich empfinde die
Hoffnung ewigen Keimens, Wachsens, Gedeihens aus dem dunkeln, segenbrütenden
Schoße. In ihm gebiert sich immer neu der wahre Ruhm, die Macht und die
Herrlichkeit der Nation, die es ja nur ist durch ihre Sitte, durch den Hort
ihres Gedankens und ihrer Kunst, und dann durch den sprungweise hervortretenden
Heldenmut, wenn die Dinge einmal wieder an den abschüssigen Rand des Verderbens
getrieben worden sind. Dieses Volk findet, wie ein Wunderkind, beständig Perlen
und Edelsteine, aber es achtet ihrer nicht, sondern verbleibt bei seiner
genügsamen Armut, dieses Volk ist ein Riese, welcher an dem seidenen Fädchen
eines guten Wortes sich leiten lässt, es ist tiefsinnig,
