 Aufschlagen; er kam mit einer leichten Wunde davon. Auch
meiner Mutter, für welche das Schlimmste zu befürchten stand, half ihre überaus
kräftige Natur. Sie erholte sich und dauerte ihre Zeit aus, obgleich die
Gedanken an jenen Morgen sie keinen Augenblick verließen.«
    »Und daher, meinen Sie, rühre Ihre Jagdlust?« fragte der Hofschulze.
    »Ich kam einige Monate nach dem Ereignisse zur Welt mit einem Male unter dem
Herzen in der Form eines Hirschfängers. Sobald ich zum Buben erwachsen war,
hielt mich keine Vermahnung und Züchtigung ab, mit den Jägern umherzulaufen. Und
so ist das fortgegangen bis auf den heutigen Tag, ohne dass ich, wie Ihr ja
leider nun auch gemerkt habt, zu diesem Treiben durch Beute und Erfolg
irgendeine Anreizung empfinge.«
    »Wenn Ihre Frau Mutter von den Jagdsachen einen solchen Schreck bekommen
hat, so müsste sie Ihnen ja ehender einen Abscheu davor eingeimpft haben«, sagte
der Hofschulze.
    »Nein!« rief der junge Jäger, und seine Augen begannen in dunklerem Feuer zu
leuchten, wie immer der Fall war, wenn sich die Rede auf solche Gegenstände
wandte. »Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze. Kann ein menschliches Wesen
unwillkürlich auf ein andres durch Blut, Seele und Sympatie wirken, so fällt
diese Wirkung auch ganz in der dunkeln Kammer vor, darin die Kräfte nach ihren
eigenen Rechten hin- und herfahren, sausen und weben, und Gebild schaffen,
dessen Figur kein Verstand vorhersieht und auf welches niemand gefasst ist.
Abscheu kann Lust, Furcht kann Mut, Sehnsucht Ekel erzeugen, und ist niemand,
der den Stammbaum dieser und ähnlicher Zeugungen aufzurichten vermöchte.«
    »Davon verstehe ich wirklich nichts, und geht mich auch nichts an«, sagte
der Hofschulze. »Aber aus der Geschichte, welche Sie da so pläsierlich erzählt
haben, ziehe ich eine dreifache Moral.«
    »Ihr haltet sehr viel auf Moral.«
    »Die Moral unterscheidet uns von dem Vieh«, versetzte der Hofschulze
feierlich. »Das Vieh hat eigentlich alles besser als die Menschenkreatur, es
findet den Weg sicherer, es hat sein ihm gewiesenes Futter und lüstert nicht
nach anderem, es trägt seinen Rock anerschaffen auf seinem Leibe, es fürchtet
sich nicht vor dem Tode, es treibt keine unnütze Wollust, aber Moral hat das
Vieh nicht; Moral hat nur der Mensch.«
    »Und in meiner Geschichte stecken drei Moralen?«
    »Drei. Die will ich Ihnen jetzt auch nicht vorenthalten, junger Herr Jäger.«
 
                                 Achtes Kapitel
 Worin der Hofschulze eine dreifache Moral aus der Geschichte des Jägers zieht
»Erstens«, sagte der Hofschulze, »lehret die Geschichte, dass, wenn Ihre Passion
wirklich von Ihrer Frau Mutter sich herschreibt,
