 hebt.
    Wir armen bewussten Menschen scheinen nun von dieser göttlichen Sicherheit
des Angreifens und Fassens alles Stoffes entblößt zu sein. Aber es ist nur
scheinbar. Alles Genie und Talent ist nichts weiter als Instinkt. Nenne mir den
Künstler, den Dichter, der beides nicht aus sogenanntem dunklem Drange geworden
wäre! Wir andern haben freilich so bestimmte Fingerzeige nicht in uns, indessen
sind fast jedem Menschen - vielleicht jedem - auch ganz feste Richtungen,
unverrückbare Punkte eingeboren, welche außen oft als Launen, Grillen,
Seltsamkeiten, Liebhabereien erscheinen, dennoch aber vielleicht auf das
allerfesteste Gesetz der Seele hindeuten. Es sind dieses nicht die sogenannten
Grundsätze, Maximen, Lebensweisen, Gewöhnungen - das alles kann angebildet und
angelernt werden - nein, was ich meine, ist etwas ganz anderes, aber freilich
schwer zu beschreiben.
    Diese Lichter des innern Menschen sind Halbträume des Instinkts. Von dem
nüchternen Tagesscheine des Verstandes entscheucht, von der wühlenden Hand der
Selbstbeschauung zerschlagen, wirken sie nicht so siegreich, wie bei dem
Wandervogel und bei der Biene das unwiderstehliche Muss, glücklich ist aber
derjenige, der die Stimme jener Träume hört und ihr folgt.
    Das Genie wird geboren, sagt man, und darüber ist jeder einverstanden. Ich
füge hinzu: Nicht alle werden als Genies, aber dazu wird jeder geboren, sich
sein Schicksal zu machen. Selbst die willkürlich scheinenden Grillen sind
zuweilen feste Wegweiser zum Glück. Erinnerst Du Dich noch des armen Tagelöhners
in Ludwigsburg, welcher, sonst verständig und fleißig, sich steif und fest
einbildete, im Park lägen Granaten, und der zu jeder Freistunde in den Alleen
danach suchte, Kiesel und Quarz aufhob und betrachtete? Die Leute hielten ihn
für verrückt, und eines Abends fand er in einem der dunkelsten Gänge, eifrigst
auf Granaten erpicht, eine vollgespickte Brieftasche, die er ehrlich genug war,
dem Verlierer einzuhändigen. Dieser belohnte ihn mit einem Geschenke, welches
seine Umstände auf Lebenszeit verbesserte. Das Sonderbarste war, dass, sobald
jener Fund getan war, sein Suchetrieb in ihm versiegte.
    Ich habe nun auch in mir ganz bestimmte Instinkte, denn ich will sie nur
geradezu so bei mir nennen. Meine Jagdlust mag ich nicht anführen, denn es
bleibt mit der abenteuerlichen Seite der Region, welche ich Dir bezeichnete,
allerdings immer etwas Missliches, obgleich ich nicht berge, dass ich des
Gedankens nicht Meister werden kann, mein beständiges Schießen und Fehlen müsse
doch irgendeinen, mir freilich nicht begreiflichen Zweck haben. Aber lassen wir
diesen weidmännischen Instinkt, der mir den Spitznamen: »der wilde Jäger«, bei
Euch zugezogen hat, vorderhand auf sich beruhen!
    Aber ein Zweites in mir ist etwas Ernsteres, und doch kein Vorsatz, keine
Überzeugung, keine Leidenschaft - sondern ein wahrer Instinkt
