 derselben
aus den Augen, und verletzte beim besten Willen, wo er ganz das Gegenteil
beabsichtigte.
    Seine, an Alter ihm fast gleiche Gemahlin, Eudoxia, war das mildeste Gemüt
von der Welt, das Mann und Kinder wie sich selbst liebte, und gleich einer
segenspendenden Gottheit, und auch so verehrt, über allen den viel tausend
Seelen schwebte, deren große Zahl, nach russischem Gebrauche, den
überschwänglichen Reichtum des fürstlichen Hauses bezeichnete. Sie half jeder
Not ab, deren Kenntnis bis zu ihr gelangte; einem menschlichen Wesen wehe zu
tun, oder auch nur es leiden zu sehen, wenn man helfen konnte, dünkte ihr
unmöglich. Sie hörte es sehr gern, wenn ihre Leibeignen, nach dem naiven
Gebrauche des russischen Volkes, sie Mütterchen nannten; was übrigens in jenem
Lande ein Ehrenname im Munde desselben ist, dem ein geneigtes Ohr zu leihen,
selbst die Kaiserin aller Reussen nicht verschmäht.
    Die Fürstin Eudoxia hatte übrigens alle Ansichten ihres Gemahls sich
dermaßen angeeignet, dass man wohl von ihr sagen konnte, sie sah nur mit seinen
Augen, und dachte nur seine Gedanken. Dass auch er menschlich irren könne, kam
ihr eben so wenig in den Sinn, als dass jemals ein ihr nicht gleich Geborner die
zwischen ihrer Hoheit und seiner Niedrigkeit bestehenden Schranken übersteigen
wollen könne. Aufgewachsen in allen verjährten Vorurteilen ihres hohen Standes,
kannte sie nur Adlige und Leibeigne, und war, mit echt orientalischer Ruhe, von
dem in der Natur gegründeten Unterschiede dieser beiden Menschenracen fest
überzeugt, ohne weiter darüber nachzudenken. Doch gerade deshalb trieb die ihr
angeborene Güte des Gemütes sie zum innigsten Mitleide mit den Unglücklichen,
denen von der Natur alle innern und äußern Vorzüge schon bei ihrem Eintritte in
das Leben versagt worden waren, welche die ihr Ebengebornen gleich einer Glorie
umstrahlten.
    Um für das ihnen angeborene Elend sie gleichsam zu entschädigen, und es ihnen
dadurch minder fühlbar zu machen, entsagte Eudoxia im gewöhnlichen Leben, aus
echter Barmherzigkeit, den ihrer Geburt gebührenden Ehrenbezeugungen. Sie
forderte nichts, was Ihrem Gefühl nach jene Armen noch tiefer beugen konnte;
aber wehe dem unter ihnen, der tactlos genug gewesen wäre, diese
Äußerlichkeiten zu vergessen, ohne von der Fürstin ausdrücklich und besonders
dazu aufgefordert und berechtigt worden zu sein. Es gibt keine Worte, um ihr
Erstaunen über eine solche, die Möglichkeit überschreitende, an Sakrilegium
gränzende Untat, gehörig zu schildern. Glücklicherweise hatte sie bis jetzt nur
selten eine solche Erfahrung gemacht, denn sie ward allgemein, von Hohen und
Niedern, geliebt und verehrt.
    Auch war Fürstin Eudoxia wirklich eine gute Dame, mit der es sich ganz
leicht leben ließ; denn auch sie liebte die Menschen, auch die niedriggebornen,
aber freilich ungefähr so, wie wir Andern unsre Lieblingspferde
