 hineinreissen, wie in meine Brust. Erinnerst du
dich denn nicht, dass mir dergleichen von früher Jugend zuwider war, und ich es
immer zu bekämpfen suchte?«
    »O ja«, sagte Elsheim, »und oft mit einer andern Genialität sogar, die
manchen Nüchternen wohl auch erschrecken durfte. Weiß ich doch, dass der eine
unserer Lehrer dich oft mit seltsamer Scheu, als wärest du ein Gottloser,
betrachtete.«
    »Lassen wir das«, unterbrach ihn Leonhard; »es ist gar zu betrübt, dass sich
so oft selbst die allernächsten Freunde in den wichtigsten Angelegenheiten nicht
verstehen.«
    »Besonders«, sagte der Edelmann, »wenn der eine oder der andere von einer
Stimmung regiert wird und dieser zu viel nachgibt. Stimmungen können niemals
über Gedanken und Ansichten ein richtiges Urteil fällen.«
    »Diese Stimmungen aber«, widersprach der Freund eifernd, »wenn sie nicht
Grillen und eigensinnige Launen sind, entspringen ja nur aus dem wahren
Charakter und der Tiefe des Gemüts; sie sind es ja, die der Mensch nicht
vernichten kann und soll, denn sie sind der Boden, in welchem Überzeugung, Tat
und Leben aufwachsen.«
    »Nun meinetwegen«, sagte der Baron, »so sprich denn aus, was dich quält oder
stört; denn freilich, zu viel sollen wir auch nicht an uns selber mäkeln, oder
uns das peinvoll abgewöhnen, was mit unserm innersten Selbst verwachsen ist, und
wodurch wir erst Individuen werden.«
    »Liebster Friedrich«, sagte der junge Meister jetzt ganz weich, »alles, was
uns reizt, belehrt, fördert und begeistert, ist immer nur unter Bedingungen und
bis zu einer gewissen Grenze hin wahr; überschreite ich beide, so wird das Beste
nur Torheit und die höchste Weisheit Wahnsinn. Deshalb ist die
Konsequenzmacherei zu fürchten, der logische Zwang, der uns so oft veranlasst
alle Lücken zu überspringen, oder nicht zu erkennen, die zwischen den Wahrheiten
liegen, oder die geistige, unsichtbare Scheidelinie zu überschreiten, auf
welcher unser Geist in den eigentlichen tiefsinnigen Untersuchungen wandeln muss,
wenn er nicht immer wieder aus dem Wahren und Unsichtbaren in die rohe Materie,
oder die abergläubige Schwärmerei stürzen soll.«
    »Ich glaube dich zu verstehen«, sagte Elsheim.
    »So versteht sich aber jener Musiker nicht«, fuhr der Freund fort, »der uns
gestern seine bacchantische Begeisterung vortrug. Er schwärmte ganz von jenem
Grunde der Wahrheit ab, auf welchem seine Wahrnehmung zuerst wandelte, und
geriet in das Reich der Träume und der Willkür. Geht nicht Ordnung, Ruhe
Selbstbeobachtung und nüchterner Zweifel mit jenen taumelnden Rossen, so gibt es
auch keine Kraft, diese zu lenken und auf dem richtigen Wege zu erhalten.
