 nährt, was späterhin als Gedanke, Ton, Bild und
Gedicht in die Schöpfung heraustreten soll - wer kann diese Ammen nennen, oder
bezeichnen? Was ist dieses Nichts, dieses unbekannte Unerkannte, dieses
Namenlose, aus dem aller Glanz und alle Kraft sich entwickelt? O ihr Törichten,
die ihr euer Leben damit zubringt, immer Unterschiede zu entdecken und diesen
mit nüchterner Weisheit einen Taufnamen zu geben! Stürzt euch, ihr von den Musen
Begabten von der Gottheit Begeisterten, ohne zu forschen und zu zweifeln, in den
Strom des bewegten Lebens; opfert, wie es das Geheimnis fordert, eure Vernunft
und Nüchternheit, die Ordnung und Sitte jenen unterirdischen Geistern und
Dämonen, die, wenn ihr dieses Entschlusses nicht fähig seid, euch sonst die
Schönheit selbst entreißen, mit eurem Herzblut, wie Vampiren, die Begeisterung
wegzechen, so dass ihr nach kurzem Taumel zu Qualm des Ekels und der altklugen
Langweile erwacht. Der Weinrausch ist ein Symbol dieses göttlich begeisterten
Lebens, in der Wollust spricht mit Entzücken und Wahnsinn jener Tod uns an, der
das echte Leben ist, hohnlachend und in süssester Wehmut wird hier jenes
Bewusstsein begraben, das die meisten Menschen für das Leben halten. Wer sich
also als echter Künstler dem Taumel weiht, der darf nicht rechts, nicht links,
nicht rückwärts schauen, nur vor ihm liegt die Bahn, und Glück, Gefahr und Leben
und Tod sind eins.«
    Auf einen stillen, bedeutsamen Wink des Wirtes hatte die junge Tochter das
Zimmer schon verlassen, weil es dem Vater wohl unziemlich dünken mochte, dass ein
weibliches Wesen diese wunderlichen Lebensregeln mit anhören sollte. Leonhard
sagte nach einer kleinen Pause: »Aber, meine Herren, Sebastian Bach, Gluck,
Palestrina- -«
    »Still!« entgegnete der Sänger, »ich weiß, wo Sie hinauswollen. Ausnahmen
gibt es, und - wer weiß - man soll den alten Bach, unsern Vater und Meister,
nicht lästern, - aber jener stürmische Geist ging ihm wohl ab, der unsere neue
Kunstwelt treibt. Und Palestrina - wir wissen so wenig von ihm - aber erzählte
er nicht, dass er die eine seiner berühmtesten Kompositionen Note für Note
vollständig von einer Schar von Engeln vernommen und die überirdische selige
Musik nur als mechanischer Kopist niedergeschrieben habe? - In der Musik strömt
ein Geist, der, stärker als in allen anderen Künsten, ihren Bekenner der
Besonnenheit entebt. Der Sänger, mehr fast noch der Virtuos eines Instrumentes,
der Kapellmeister, wie der Komponist, alle leben dem Augenblick, ohne an morgen
zu denken. Der Genuss der Kunst, so gut wie des Weins und der Liebe, reißt sie
über Zeit, Sorge und Ordnung hinweg, denn in keiner andern Kunst ist das
unmittelbare
