 wohnt und Leid und Lust aus der
ersten Hand empfangen soll, möchten sie die große Cur einführen, und ihm die
vornehm sittige Langweile anbilden, die keine Hand mehr rührt, ohne auf den
Effekt zu denken, den es auswärts macht. Wenn unsre Bauerweiber erst an
Nervenschwäche leiden, dann steht wohl jenes gepriesene goldene Alter echter
Humanität an der Ecke lauernd, auf welches wartend die Herren nun schon lange
aus dem Fenster geguckt haben.«
    Die Tochter kam jetzt herein, mit Blumen auf dem Kopfe und übertriebenem
Putze, um in das Konzert zu gehen; sie verneigte sich sehr zierlich und wandelte
am Arm eines jungen Menschen, der beständig auf seine seidenen Strümpfe und
Schnallen hinuntersah, um zu beobachten, ob alles noch in gehöriger Ordnung sei.
»Wirst du nicht auch hingehen?« fragte Elsheim.
    »Nein, mein Freund«, antwortete Leonhard, »obgleich ich eigentlich noch
nicht weiß, wie ich meine Zeit zubringen werde; denn mir sind die meisten
musikalischen Unterhaltungen dieser Art so abscheulich, dass ich ihnen jede
Langweile vorziehe. Sie haben eine Kraft, mir den Kopf zu verwirren und mich auf
lange für Geschäfte und Gedanken unfähig zu machen; aber wahrlich nicht dadurch,
dass sie mich zu sehr über dieses Leben erheben.« -
    »Kindereien!« unterbrach ihn der Baron; »und vorzüglich heute passt deine
Furcht nicht, da du Gelegenheit haben wirst, einen der vorzüglichsten
Klavierspieler, einen wahrhaften Virtuosen zu hören, sowie die Stimme eines
ausgezeichneten Sängers. Wir mögen in manchen Dingen den Alten nachstehen, aber
die Wunder der Instrumentalmusik gehören ausdrücklich unserm Zeitalter an. Man
soll sich nicht eigensinnig gegen das Edle und Wundervolle verschließen, weil
es, wie so vieles, vom Haufen gemissbraucht wird und der Eitelkeit dient.«
    Er zog den Freund mit sich. Die Versammlung war in einem geräumigen Saal,
aus welchem man sogleich in den Garten kommen konnte. Da es hoher Sommer war,
hatte man zwar die Lichter aufgesteckt, sie brannten aber noch nicht. Die
Gesellschaft war schon ziemlich zahlreich; vorn prangten die edleren Damen der
Stadt, unter diesen ein untersetzter Mann mit einem Stern, den alle mit großer
Devotion Exzellenz nannten; hinter diesem saß der Bürgermeister, die Hände über
den Bauch gefaltet und auf jede Bewegung des Mannes vor ihm aufmerksam, der
ehemals in Diensten eines benachbarten Staates gestanden und sich hieher
zurückgezogen hatte, um als der Vornehmste verehrt zu werden. Elsheim
beobachtete mit Leonhard die Eintretenden. Unter den Damen fehlte es nicht an
reizenden, auch musste man gestehen, dass die meisten die neueren Moden kannten;
aber zugleich war eine gewisse Übertreibung bei allen sichtbar und eine steife
Ängstlichkeit, denn jede trat mit dem Bewusstsein herein, sie sei auf die rechte
