 Eigentümlichkeit in uns
entbindet. So waren im Kreise des Staats tausend kleinere Kreise die sich in-
und durcheinander bewegten, selbstständig spielten und doch dem größeren dienten;
an jeden Menschen kam seine Stunde und sein Tag, und öfter im Jahr oder im
Monat, wo er, dazu autorisiert, etwas Fremdes vorstellen durfte, und dem Adel,
der Geistlichkeit schlossen sich hier schön die Zünfte an, die vielfach in
Scherz und Ernst Aufzüge, Spiele, Repräsentationen aller Art, allegorisch oder
komisch gaben, oder auch nur zur Verherrlichung ihres Handwerks und des
Bürgerstandes auftraten. Der Meister konnte Vorsteher seiner Innung und
Brüderschaft werden, der Gesell Vortänzer und Vorfechter, Sprecher und
Schauspieler, ja bis zum lernenden Burschen hinunter gab es Gelegenheit, dass
dieser sich wieder unter seinesgleichen geltend machen durfte. Neu gestärkt,
gesunder und lebensfroher kehrte der Mensch dann zu seinem gewöhnlichen Beruf
zurück, ja getröstet über diesen und mit der nahen Aussicht, das Jungbrunnen-Bad
bald wieder gebrauchen zu können. Bleibt der Stoiker ganz fest auf seinem
Standpunkte der Vernunft stehen, oder sagt zur Freude: du bist toll! so kann er
doch den Gedanken wenigstens nicht als Lüge abweisen, dass dieses Dehnen, Recken
und Gähnen der Schläfrigkeit (wofür er dies Torenspiel ausgeben würde) die
Lungen stärkt und hebt, und das vollkommene Erwachen wie die Munterkeit
befördert.«
    »Ein medizinischer Statistiker könnte dir auch in deiner Schilderung recht
geben«, fügte Elsheim hinzu, »wenn er sagte: alle jene unnützen Zeitvertreibe,
ja reelle Narrheiten seien vielleicht notwendig, um aus der Menschheit eine
Menge Laster- und Dummheits-Anlagen abzuführen, damit Weisheit und Tugend Raum
gewinnen. Ich gebe dir ohne alle Bedingung recht, und füge nur noch hinzu, dass
wir in neueren Zeiten kaum noch einen Menschen finden, der repräsentieren kann;
selbst die Diplomatiker, die es verstehen, werden immer seltener, vom Höchsten
bis zum Geringsten trägt jeder eine Art von Scham mit sich herum, dass er noch
etwas anders, als ein Mensch sein soll, daher das linkische, verlegene,
stotternde Benehmen unserer Großen; die militärische Haltung in der Uniform und
im Dienst ist die einzige, die geblieben ist, und in die sich alle übrige
Repräsentation zurückgezogen hat.«
    »Dein Mediziner, den du eben erwähntest«, fing Leonhard wieder an, »hat nach
meiner Meinung ebenfalls recht, nur möchte ich die Sache etwas anders
ausdrücken. Ich glaube in der Tat, dass die Masse der übertriebenen und
krankhaften Eitelkeit unserer Tage, die Sucht, eine lügenhafte Rolle vor der
Welt und vor sich zu spielen, dieses Heucheln von süsslicher Bildung, unechter
Frömmigkeit, affektierter Liebe zur Natur und dergleichen mehr, nur möglich
geworden ist, seitdem es dem Menschen untersagt
