? Die gerade und die krumme Linie ist es, deren Umspielung oder innige
Durchdringung alle Formen hervorbringt. Ist es nicht sonderbar, dass die neueren
Gesetzgeber schon seit lange den Menschen als ein Vernunftwesen betrachten, und
um so mehr, je mehr er im niedrigern Stande lebt; der ohne Leidenschaften ist,
oder die man ihm aberziehen und ihn zu allen vernünftigen Tugenden, des Fleißes,
des Gelderwerbes, der unermüdlichen Arbeitsamkeit, hinaufbilden soll wo sie etwa
fehlen möchten? Die Gesetzgeber behalten sich und ihresgleichen stillschweigend
vielen Zeitvertreib und Zeitverderb vor, wovon sie das Anständigste unter die
Rubrik Bildung schieben, die der Gemeinere freilich entraten kann. Die Weisheit
der alten Welt aber sah ein, dass Leidenschaften, Torheiten, Spiel, Scherz, Lust
und Genuss die Elemente sind, die kämpfend und sich verbindend in der Menschheit
ringen, und dass die Vernunft nur das Gleichgewicht sein kann, welches dieses
unsichtbare Feuer, Luft, Wasser und Erde schwebend trägt, damit eins nicht das
andere vernichte; dass Begeisterung zum Guten und Bösen die Sturmwinde sind, die
zertrümmern und die Atmosphäre reinigen, und die hülflose Vernunft an sich
selber noch nie etwas in Wirkung und Wirklichkeit hat setzen können. Ihr
Bestreben war daher nicht, der Menschheit die Menschheit abzugewöhnen, sondern
sie waren Kinder mit den Kindern, und Toren mit den Toren, und fühlten wohl,
welcher heilige Ernst in dieser Kindlichkeit aus der Tiefe heraufspiele, weil es
edler und frommer ist, jeden Trieb in uns auszubilden, als ihn zu vernichten,
und dass jenes neumodige Entwöhnen, in der keiner seine Lust sättigen und büßen
soll, nur zum moralischen Tode und zur kalten Verzweiflung führt. Ihnen waren
daher alte überkommene Spiele, Lieder, Scherz und Trunk, selbst Ausgelassenheit
ehrwürdig, und wenn die neuere Welt dergleichen auch nicht so unmittelbar, wie
die alte, zum Gottesdienst rechnete, so nahm sie doch alles dieser Art in ihren
Schutz. Volksfeste, Aufzüge, Prozessionen, Musik und Tanz öffentlich bei
feierlichen Gelegenheiten, die Verwandlung des gemeinen Lebens in ein poetisches
Schauspiel: alle diese innigsten Bedürfnisse suchte sie zu befriedigen, ließ das
Bestehende und Überlieferte, verbesserte, fügte hinzu, erhöhte den glänzenden
Schein, und edle Greise, Väter des Volks, Geistliche und Fürsten hielten es
nicht unter ihrer Würde, ganz mit vollem Herzen in den Jubel einzustimmen, und
die gute Vernunft daheim unter alten Reflexionen kramen zu lassen. Denn nicht
will der Mensch bloß Mensch sein (sooft dies auch vor einigen Jahren von
Aufklärern ist geprediget worden), er will auch nicht bloß nützlich und
erwerbend und Bürger sein, sondern zuzeiten etwas anders außer sich vorstellen.
Dieser Trieb, uns außer uns zu versetzen, ist einer der gewaltigsten und
unbezwinglichsten, weil er wohl gerade die tiefste
