 der Zeit eingeschlichen hatten und nicht
zu leugnen sind, konnten abgeschafft werden, ohne die ehrwürdige Stiftung
selbst, der wir Künste, Wohlstand und Freiheit zum Teil zu verdanken haben, zu
Boden zu reißen. In melancholischen Stimmungen möchte ich aber manchmal glauben,
dass wir alle gern einer allgemeinen Knechtschaft entgegengehen, und dass man uns
vorpredigt, nur Geld zu erwerben zu suchen, um in Luxus, Ausschweifung und
Sklavenhochmut Ketten wie Freiheit verlachen zu können.«
    »Nun, nun«, sagte Elsheim, »du fällst ja in den wahren Prophetenton: soll
man dich einen Obskuranten oder Revolutionsmann nennen?«
    »Weder so noch so«, sagte Leonhard, »denn die Menschen, die man wirklich mit
Vernunft so nennen kann, sind mir beiderseitig gleich verhasst. Aber ich kann es
mir doch nicht ableugnen, dass wir so ziemlich in der Anarchie schon befangen
sind, wenn die Menschheit und die Staaten doch aus Ständen vereinigt sein
sollen. Die Geistlichen waren schon seit lange, erst einer stillen, dann einer
öffentlichen Proskription ausgesetzt, die Freude über ihre Besiegung, dieses
Staates im Staate (wie man alles nannte, was nicht unmittelbar dem Einen und
unbedingt unterworfen war), sprach sich allgemein aus; doch wurde ebenso der
Einfluss und die Selbständigkeit des Adels gebrochen, dem Bürgerstand und seiner
Beschlossenheit erklärte man aus philosophischen Prinzipien öffentlich den
Krieg, und den Bauern, die man eigentlich schützen will, fällt man wenigstens
mit einer engherzigen, ebenso albernen als unpassenden Erziehung, und mit einem
unnützen Tabellenwesen zur Last.«
    »Ja, die Tabellen!« rief der Baron aus, »sie gehören recht zu den Surrogaten
und dem Geiste der Zeit, den die Gesetzgeber sich auch nur in Tabellen strömend
vorstellen können.«
    »Seit diese Mode des Bewusstseins«, fuhr Leonhard nicht ohne Bitterkeit fort,
»die Staateneinrichter wie ein Schnupfen befallen hat, der eigentlich umgekehrt
ein dumpfes Unbewusstsein hervorbringt, geschieht ordentlich mit Gewissen und
frommer Lust die Zertrümmerung der edelsten Überlieferungen, über die ein
abergläubisches Schaf, wie ich, das eine Wasserscheu vor diesem Strome der Zeit
hat, weinen möchte. Doch, du hast recht, es ziemt mir besser, meinen Sinn von
diesen großen Weltfortschritten abzulenken, und wenn du noch einige Geduld übrig
hast, so möchte ich wohl noch einmal zu meinen Zünften zurückkehren.«
    »Sprich dich nur aus«, sagte der Edelmann, »der Wagen geht auch ganz sanft
im Sande, wir sitzen hier auf unserm eigenen Grund und Boden, und dürfen denken,
was wir wollen.«
    »Muss ich nicht wieder«, sprach der Meister, »auf meine frühere Ansicht
kommen, an die ich mich so gewöhnt habe, dass sie mir bei allen Dingen
vorschwebt
