 möglich?«
    »Lassen Sie sich dienen«, fuhr Lamprecht fort; »ist Ihnen noch niemals die
Erfahrung geworden, dass gewisse Menschen zu manchen Zeiten, oft alljährlich,
ihren ordinären guten Verstand einbüßen, und auf einige Zeit zu Narren werden?«
    Leonhard sah den Sprechenden misstrauisch an und sagte dann: »Lieber Mann,
das begegnet uns wohl allen.«
    »Ich meine es nicht so«, erwiderte jener; »denn das möchte wohl nur das
allgemeine Menschenschicksal sein, dem nicht auszuweichen ist. Nein, mein lieber
Herr, es gibt gewisse Temperamente, die, sei es im Frühling, Herbst, oder
Sommer, geradezu überschnappen, in den Wahnsinn oder ins Delirium geraten, und
zu diesen sonderbaren Wesen gehört mein Freund Franke. Wie sollte er denn ein
Jude sein, da er hier in der Stadt geboren und erzogen ist? Aber alljährlich,
und zwar immer zu derselben Zeit, wird er unsinnig und bildet sich bald diese,
bald jene Narrenposse ein. Einmal ist er Katze, oder Hund, oder Fledermaus; ein
andermal hat er einen Mord begangen und soll hingerichtet werden, oder er ist in
eine Prinzessin verliebt, und dergleichen mehr. Seine alten Eltern wohnen vier
Meilen von hier, dahin war er gewandert; und da ich wusste, dass gestern sein
kritischer Tag war, so wurde ich sehr besorgt um meinen Freund, weil er länger
ausblieb, und unter diesen Umständen auf dem Wege leicht Schaden nehmen konnte.
Ich war nun begierig, mit welcher Narrheit er durch das Tor schreiten würde,
und, siehe da, er ist uns diesmal als Jude und Prätendent des preußischen
Trones wiedergekommen.«
    »Sonderbar!« sagte Leonhard, »und doch hat er mir so umständlich die Sache
erzählt.«
    »Ganz recht«, sagte Lamprecht; »in diesen Krankheitsumständen ist er immer
sehr redselig, und von seiner Ansicht so überzeugt, dass er wie heute solche bis
aufs Blut verteidigt. Was gehen ihn die Juden und ihre Meinungen an? Was
brauchte er sich ihrer so lebhaft anzunehmen?«
    »Was Sie mir da eröffnet haben, teurer Mann«, begann Leonhard wieder,
»erfüllt mich mit dem höchsten Erstaunen. Ein Kranker aus diesem sonderbaren
Spital ist mir bis jetzt noch niemals vorgekommen. Und es sollte noch mehr
solcher Patienten geben?«
    »Wer zweifelt daran?« antwortete Lamprecht; »ich muss mich bloß über Ihre
Verwunderung verwundern. Wenn in uns allen wohl etwas ist, das den Organismus,
oder unser Leben stören will, und das die Natur vielleicht im Ärger, oder
Schnupfen, oder einer Leidenschaft, oder Prügelei, oder wie sonst hinwegschaft,
damit der Mensch in seinem gewohnten Gleise bleibe - so gibt es auch
