 erscheinen, als ich
bin. Seit Wochen quält mich eine tödliche, giftige Eifersucht, und ringt und
zankt mit meiner Liebe zu dir. Und wer ist es, der uns so auseinanderzureissen
droht? O spreche man mir nicht von Moral und Tugend, Ehrfurcht und Ideal, wenn
das unbändige, das riesenhafte Rätsel in unserm Innern aufwacht und zur
Auflösung ringt. Konnte ich glauben, dass ich dies in meinen reiferen Jahren
erleben sollte, und dass in diesem Zauber, in dieser Verblendung mein Sinn und
mein Gefühl so klar und unbestechlich bleiben konnten? Wie sah ich ehemals mit
verachtender Erbarmung auf jene Elenden hinab, die Vermögen, Leben, Ehre, Glück
der Familie und der Eltern Kreaturen preisgeben, deren Untreue, Eigennutz und
Lügenhaftigkeit sie kannten! Oh, jetzt verstehe ich diese unglückselige
Zerrissenheit und dies vergebliche Ankämpfen gegen eine bessere Überzeugung!
Glaubst du, dass ich die Zauberin verehre, oder nur achte? Wenn ich dies Gefühl
in mir erwecken will, so erwacht vielmehr das entgegengesetzte. Was aber hat
dies Gefühl auch mit dem Rausch und dem Wahnsinn zu tun, der mich, wie den
Rinaldo, mit Blumenketten zu den Füßen dieser Armida bindet? Ist es nicht, als
wenn man fragen wollte, was die Jo oder Leda des Korreggio wohl noch an diesem
Tage speisen würde? Oh, Liebster, da du sie aufgibst, so kann ich die übrigen
umher mit Geringschätzung betrachten. Und glaube nur, ich weiß das Opfer zu
würdigen, welches du mir bringst: das größte, das wundervollste, den Genuss, den
die schwelgende Phantasie nicht glänzend genug ausmalen kann! Wie hätte ich
ahnden können, als wir hieherkamen, und ich dir von diesem Mädchen sprach, dass
die Sünderin mich so verstricken sollte! - Damit du aber siehst, dass du sie in
keinem Sinne verrätst, dass du nichts Ehrloses, nichts Grausames an einem Weibe
begehst, so lies diese zärtlichen Billete, die sie mir in derselben Zeit
geschrieben hat, als sie auch dich zu fangen trachtete.«
    Leonhard las und war verwundert, denn das hatte er doch nicht erwartet. »Nun
lies aber auch ihren neusten Brief an mich«, sagte er dann. Elsheim fand, dass er
wirklich eine Bestellung auf einen gewissen Tag in das Waldhäuschen der
Försterin enthielt, wo sie so ungestörter verweilen könnten, weil an diesem Tage
Elsheim mit seiner Mutter und der Tante zum Besuch über Land sein würde. Außer
den Zärtlichkeiten enthielt das Blatt Anklagen gegen Elsheim, der sich
aufdränge, der die Liebe störe, der sie wohl argwöhnen möge, und dergleichen
mehr. Leonhard erstaunte über diese tiefe Treulosigkeit und so sicher wandelnde
Unwahrhaftigkeit. »Sollen wir es beklagen«, sagte er dann, »aß ein so
