 neuen Ansicht einzurichten. Indem er fleißig arbeitete und
rechnete, fielen ihm die Szenen in Romeo und Otello ein, in Heinrich dem
Sechsten und der Sommernacht, die sich anständig, ja selbst möglich nur in
dieser Bühneneinrichtung gestalteten. Als er mit seiner Zeichnung schon ziemlich
weit gediehen war, kam Emmrich hinzu, und beide arbeiteten nun gemeinschaftlich.
Der Professor sagte: »Es gefällt mir an Ihnen, werter Herr Leonhard, dass Sie so
leicht die fast angeborenen Vorurteile anderer Architekten haben ablegen können;
denn diesen schweben in der Regel, wenn von einem Theater die Rede ist, gleich
alle die Kindereien und hergebrachten Torheiten vor, die ich für unnütz oder
schädlich halte.«
    »Wenn wir etwas Neues lernen«, sagte Leonhard, »müssen wir uns diesem gleich
ganz hingeben können, damit nicht eine widernatürliche Vermischung zweier
entgegengesetzten Dinge entstehe, die schlimmer als alles ist.«
    »Sehr wahr«, sagte Emmrich, »und doch glauben oft kluge Menschen, durch eine
solche Vermittlung, wie sie es nennen, allen Forderungen zu genügen.«
    »Weil so wenige Menschen bedenken«, sagte Leonhard, »dass das Rechte und
Tüchtige in sich vollständig sein und aus einem Stücke bestehen muss. Mäkeln denn
nicht so viele, auch geistreiche an Meisterwerken? Ist es denn nicht in der
Regel das Einzelne, Unzusammenhängende, was die Menschen entzückt? Die meisten
sind viel zu kraftlos, um den Glauben und die Demut zu finden, die unerlasslich
sind, um ein echtes Kunstwerk zu verstehen.«
    »Das gefällt mir«, erwiderte Emmrich, »dass Sie behaupten, aus Kraft gehe die
echte Demut hervor. Nichts ist so unbändig als die Schwäche und Geistesohnmacht.
Sie widerstrebt allem Großen und Vollendeten, besonders in der Kunst, sie will
keine Autoritäten anerkennen, um sich sklavisch vor dem ersten besten Scharlatan
zu erniedrigen, der die geringe Kunst des Taschenspielers besitzt, diesen
hochfahrenden Mittelmässigen zu imponieren.«
    »Auch jene trockene Altklugheit«, fuhr Leonhard fort, »ist Schwäche. Diese
echten Philister meinen, in ihrem Innern das höchste Ideal zu besitzen, und nun
gehen sie sich gar nicht einmal mehr die Mühe, in ein Kunstwerk einzudringen,
sondern sie bleiben recht mit Vorsatz außerhalb vor demselben stehen und schauen
nun mit blödem Auge an der Poesie und dem Gemälde umher, um nur schnell die
Mängel zu finden, die nach ihrer Aussage zum Ideal noch fehlen.«
    »Wie Sie schon früher bemerkten«, sagte Emmrich, »so ist eben jedes echte
Werk, das der wahren Kunst angehört, in sich selbst begrenzt und vollendet. Aber
von jenem ganz verwerflichen Eklektizismus eines Mengs, der die Vorzüge eines
Raffael, Tizian und Korreggio vereinigen wollte, können sich selbst in
