 »tritt ein anderes Zeitalter auf, das für uns
jetzt Lebende auch schon ein längst veraltetes ist; dieses verspielt sich wieder
an einem einbrechenden, welches als das schwächere und schlechtere erscheint;
und so geht es immer fort, und das ist die Täuschung der Geschichte, die, so
vorgetragen, vielleicht kein wahres Wort enthält.«
    Leonhard ward nachdenklich und sagte dann: »Die Zeitalter wechseln wohl in
Güte und Schlechtigkeit; bald tritt diese, bald jene Vortrefflichkeit mehr und
deutlicher hervor, und die Aufgabe ist, an diesen Zeichen die Zeit zu erkennen.«
    »Gut«, sagte sie, »mögen das die Gelehrten und Denker tun; unsereins
versteht nur das, was ewig wiederkehrt, nie wandelt, weil es selbst der Wandel
ist.«
    »Und das wäre?« -
    »Ei nun, jene Schwäche der menschlichen Natur, die auch den rührenden und
interessanten Teil unseres Schauspiels bildet; dieser Weislingen, der so
meisterhaft geschildert ist, in welchem sich die menschliche Natur selbst und
das eigentliche Wesen der Männer so unvergleichlich präsentiert.«
    »Sie meinen also -«
    »Jawohl«, fiel sie schnell ein, »der Weislingen ist der Mann selbst, das
heißt, der wirkliche, der interessante, von dem es sich zu sprechen lohnt. Denn
was wäre die Welt, wenn alle Männer so bieder, treu, unerschütterlich wären, wie
dieser alte Freibeuter, der Berlichingen? Und was würde in aller Welt das Stück
selbst für eine triste Physiognomie haben, wenn Weislingen und Adelheid nicht
Leben und Frische hineinbrächten? Und so war es gewiss immer und zu allen Zeiten.
Und Götz selbst! fällt er nicht fast ohne Ursache von seiner Treue ab, um der
Anführer der rebellischen Bauern zu werden? Dies Gelüst war seine neue Geliebte,
die ihn zur Treulosigkeit verführte, und er muss, wie Weislingen, nur seinen
eigenen Fehler büßen. Alle Hochachtung vor Tugend und Wahrheit! aber herrschten
sie allein in der Welt, so gäbe es wenigstens keine Poesie.«
    Leonhard musste über diese Ketzerei lachen und wusste doch im Augenblick
dieser seltsamen Behauptung nichts entgegenzusetzen. »Können Sie mir unrecht
geben?« fuhr sie nach einiger Zeit fort; »in der römischen Geschichte stehen
Antonius und seine Kleopatra ebenso glänzend und unglücklich da, und wo sich
mein Auge hinwendet, schon von der Iliade an bis zu unserem Wieland und Klavigo
und der Stella, ist immer die weiche, liebe, interessante Verführbarkeit des
Mannes der Gegenstand der schönsten Gemälde und anziehendsten Verwicklungen.
Jene festen, unerschütterlichen, dem Reiz und der Schönheit unzugänglichen sind
eben keine echten Männer, sondern nur Larven und widerwärtige, wenigstens
gleichgültige Gespenster.«
    Leonhard war während dieser Rede nach und nach ernstaft geworden. »
