Gewiss kenne ich es«, erwiderte Leonhard, »ich sehe den Tisch leibhaftig vor
mir.«
    Der Alte sah ihn von der Seite an und lächelte; dann sprach er in seinem
Eifer: »Also denn, wenn die Besessenheit mich ergreift und gar nicht wieder
loslässt, so stelle ich mich dann mit meiner Geige vor diesen Masertisch,
begeistere mich und spiele in tausend Variationen und rasenden Passagen alle die
vermaledeiten krummen und zackigen Linien ab, als wenn es Noten wären. Immer
fällt mir was Neues ein, und ich rassele und wüte so heftig, arbeite mich so ab,
dass ich oft wie im Schweissbade bin. So kleide ich mich um, setze mich in den
Sofa, lache recht von Herzen über mich und die Welt, fühle mich so recht
behaglich und in meinem Innern wieder wie zu Hause und habe dann auf lange Ruhe.
Sehen Sie, Bester, das war es, was Sie neulich mit angehört haben. Es war gewiss
recht sonderbares Zeug.«
    Leonhard war zuletzt sehr nachdenklich geworden und sagte endlich: »Ihre
Erzählung und dieses Heilmittel erinnert mich an so vieles, was ich in mir
selbst so oft habe bekämpfen müssen. Wohl dem, der in seiner geliebten Violine
einen solchen Ableiter findet.«
    »Jeder vielleicht auf seine eigene Weise«, antwortete Joseph. »Es ließe sich
viel darüber sagen. Wenn ich so von den alten Mänaden und den bacchantischen
Festen der Griechen gelesen habe, so dachte ich oft, diese und ähnliche
Anstalten haben auch die tollen Geister in uns bändigen und austreiben sollen.
Christliche fromme Männer haben es vielleicht durch ihre Geisselungen, Fasten und
Kasteiungen versuchen wollen. Mancher tobt sich auf der Jagd aus, und in der
Jugend fühlen wir es ganz deutlich, wie Springen, Laufen, Ringen und Balgen
unserm Leben völlig unentbehrlich sind. Wer in meine Masern verfällt, oder sich
gar freiwillig hineinversenkt, ohne sich mit der Violine wieder herauszuspielen,
der wird wohl eben ein Schwärmer und Fanatiker, wovor uns denn alle der Himmel
behüten wolle.« - Mit diesen Worten empfahl sich der Alte, und Leonhard blieb
noch lange auf seinem Zimmer, um alle die Gedanken näher zu erwägen und zu
bewältigen, die ihm jenes sonderbare Gespräch auf unerwartete Weise erweckt und
zurückgelassen hatte.
Als man sich bei Tische versammelt hatte, sagte Emmrich: Sollte es nicht Zeit
sein, diese allgemeine Verstimmung, müsste es selbst durch ein gewaltsames Mittel
geschehen, wieder in die rechte Bahn zu lenken? Ich bin der Meinung, da wir
jetzt unter uns sind, und niemand unser Vorhaben übel deuten wird, dass wir
unseren Götz noch einmal aufführen und ihn dann, wie es sich gebührt, zu Ende
spielen. Wozu haben wir die Mühe gehabt
