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Dennoch hält er es mit großer Besonnenheit so sehr als möglich im Hintergrunde,
und lässt es nur so weit hervortreten, als es unmittelbar auf die Nottingham'sche
Familie einwirkt, für welche er unser Interesse ungeteilt in Anspruch nimmt und
erhält. In das Stammschloss derselben versetzt er uns gleich beim Beginn der
Erzählung, und entfaltet vor uns dessen mannigfach kombinirte, den großen Sinn
seiner Besitzer aussprechende Architektur mit so bewundernswürdigem Talent, so
ungetrübt von jener das Auge verwirrenden antiquarischen Pedanterie, in welche
bei solchem Anlass Scott so leicht verfällt, dass wir darin völlig heimisch
werden. Und welchem herrlichen Menschenkreise begegnen wir darin! Die alte
Herzogin, eine wahrhaft verklärte, von keinem Erdenschmerze mehr berührbare
Gestalt, auf ein abgeschlossenes inhaltreiches Leben mit dem Frieden eines
schönen Bewusstseins heiter zurückblickend, und jetzt nur noch in der Liebe zu
den Ihrigen lebend. Ihr zur Seite die jüngere Herzogin, ein tief
leidenschaftliches, von einem großen Schmerz umnachtetes Gemüt, dessen
Heftigkeit dennoch stets von hoher Willenskraft gebändiget, nur um so rührender
die Fülle von Liebe, die es einschliesst, und um so schöner die Stärke einer
edelen Gesinnung offenbart. Wir müssen es uns versagen, diese andeutende
Karakteristik fortzusetzen. Gleich den genannten Personen sind auch die übrigen,
bis zur jüngsten Enkelin, welche in ihrer Kinderunschuld das anmutigste
Gegenstück zu der herrlichen Großmutter bildet, scharf individualisirt; wie
verschieden aber auch in Charakter und Lebensrichtung, sind sie doch durch
gegenseitige Liebe und Anerkennung, durch das Alle erfüllende Bewusstsein der
Familienehre und einen für Gemeines unnahbaren Seelenadel zur schönsten Einheit
und zu einem sittlichen Gesammtleben verbunden, in welches hineinzublicken Genuss
und Erhebung zugleich ist. Die schönste Zeichnung freilich ist die junge Fremde,
an deren Erscheinen in Godwie-Kastle sich viel Lust und Leid knüpft. Der
Verfasser hat die Fülle von Liebreiz, die er über diese Gestalt ausgegossen,
zugleich so durchsichtig für die ihr einwohnende hohe Seelenschönheit zu halten
gewusst, dass die herzgewinnende Macht, die sie über ihre Umgebung ausübt, gewiss
auch jeder Leser erfahren wird. Das liebe Mädchen muss viel leiden, so viel, dass
wir mit dem Verfasser darüber rechten könnten, warum er sie über manche
Widerwärtigkeit nicht sanfter hinweggeführt hat, wenn wir nicht wüssten, einmal
dass im Romane der Zufall sein Recht unbeschränkt behaupten müsse, und zweitens
vornehmlich, dass gerade in jenen Schmerzen die größere Liebe des Dichters zu
seinem Geschöpf sich kundgibt, welcher allein wir eine so lebenswarme Zeichnung
verdanken. Seltsam genug, dass im Reiche der Poesie der Satz gilt: was der
Dichter liebt, lässt er leiden. Dies zu belegen, braucht man nicht gerade an
Heinrich Kleist zu erinnern, der seine Lieblinge förmlich quälen kann, selbst
Göte darf dafür angeführt werden; denn ruht nicht z.B. unter
