 Bis die letzten Diener den Saal verlassen, und nur noch von ihren
Kindern, der herzoglichen Mutter, dem Grafen Salisbury und ihrem nächsten
Kammergefolge umgeben, blieb die starke Herzogin aufrecht, dann sank sie ohne
einen Laut, ohne alles Leben von ihrem Sessel. Entsetzt stürzten die trostlosen
Kinder über sie, doch Doktor Stanloff, der mit hütendem Auge seiner Gebieterin
gefolgt war, erklärte ihren Zustand für eine tiefe Ohnmacht und verlangte nichts
als Ruhe, wonach sich wohl Alle sehnten nach diesem angreifenden Tage. Auch war
die Nacht längst herangebrochen. Man trug die Herzogin in ihre Zimmer, und Jeder
suchte die seinigen zu erreichen. - So befand sich bald um den, der sonst der
Mittelpunkt alles Lebens und aller Wonne in diesen Hallen war, nur die durch
eintönige Worte sich von Stunde zu Stunde ablösende Trauerwache!
Der unbewusste Zwang, den feststehende, durch lange Gewohnheit geheiligte Formen
über die Gemüter der Menschen ausüben, wird oft eine wohltätige Stütze für das
durch Leidenschaften oder erschütternde Ereignisse aus seiner Bahn getriebene
Innere. Von dem kleinsten Standpunkte gilt dies, und macht sich auch für den
weiteren Gesichtskreis des Lebens geltend. Es belehrt uns über das lange
Fortbestehen oft in sich schon bedeutungslos gewordener Formen, welche zu
durchbrechen und von dem in der Zeit gereiften Kerne die Schaale abzuwerfen,
Wenige nur berufen sind. Diese sind dann der letzte Tropfen in dem zum
Überfliessen gefüllten Becher einer neuen Erkenntnis, wozu in der Stille die
Besten vieler Zeiten die einzelnen Tröpfchen beisteuerten. Sie haben keinen
Maßstab, denn sie sind die ersten dieser Art; aber leicht missdeuten Viele in
sich eine leidenschaftliche Aufregung, die ihnen das Recht zu geben scheint,
umzustossen und zu durchbrechen, was, von tugendhaften Vorältern erdacht, oft
ganze Geschlechter liebevoll umfasste und sie schützend an der rohen Willkür
vorüberführte.
    Es ist so schwer, an die Stelle des lang Bestandenen das Bessere zu stellen,
dass die hierüber leicht gewonnene Erfahrung uns versöhnlich macht gegen das
Mangelhafte; und so unzureichend und oberflächlich sind die Ergebnisse jener
Umwälzungen, dass ein stilles und in sich geschlossenes Gemüt sich leichter da
hinneigt, wo tugendhafte Menschen seit lange Bürgschaft gaben für das
Bestehende. Auch reift in der Zeit von selbst schon und allmälig eine
Reformation, zu deren siegreichen Zwecken Jeder wohltätig mitwirkt, der in sich
selbst die freie Entwickelung seiner Kräfte beschloss. Was auf diese Weise von
uns dennoch abfällt und nicht mehr zu uns gehören will, das ist zum Staube reif,
nicht der übermütigen Laune, sondern der Zeit ist es verfallen!
    Die stärksten Gemüter erreichen am leichtesten diesen höheren Standpunkt;
Ruhe und wahre Milde haben immer ihren Sitz in dem Gefühle der Kraft, und es ist
kein Widerspruch, wenn wir den, der allenfalls die Form durchbrechen könnte,
sich fügen
