 die Hand ihres
Lieblinges zur begütigenden Antwort. Lady Melville wandte sich aber sogleich zu
Richmond; ihr Gesicht glühte, und ihre Augen standen in Tränen.
    O Mylord, rief sie, wie hasse ich in mir diese leicht veranlasste Heftigkeit,
und wie wenig vermag ich sie noch zu zügeln, trotz dem, dass ich ihrer so lebhaft
mir bewusst bin. Wir sollen wohl nicht gleichgültig bleiben, wenn uns das
Unnötige aufgenötigt wird, aber diese Selbstverteidigung lässt stets einen
Stachel in uns zurück; denn selten bleibt uns die Gelassenheit, die bloß das
Rechte überhaupt verteidigt. Leicht mischt sich Beschämung des Andern in unsere
Worte, und so wird aus der Verteidigung eine Art von Rache, die uns dann wieder
selbst verwundet und vor uns selbst herabsetzt.
    Gewiss, versetzte Richmond, ist hierin die Lage einer Frau noch viel zarter,
als die eines Mannes. Wir sind in den vielseitigeren Beziehungen unsers Lebens
in viel größerer Gefahr der Missdeutungen, und wir müssen uns fast an diese
Voraussetzung gewöhnen und sie ertragen lernen, um unsere Handlungen nicht
endlich beschränkt zu sehen von dem gefährlichen Ehrgeiz, jene zu vermeiden. Oft
geht der Weg zu einer feststehenden Achtung und Anerkennung nur durch Ertragung
uns fern liegender Anschuldigungen, und es gehört gewiss der wahre Mut der
Tugend dazu, wenn wir schweigend unsere Rechtfertigung allein der Gerechtigkeit
vertraun, die im Laufe der Zeit jedem wahrhaften Bestreben vorbehalten ist.
Doch, wie auch dieser Grundsatz als ein allgemeiner Jedem gelten möge, in den
meisten Fällen leidet eine Frau zu sehr unter dem leisesten sie treffenden
Argwohn, als dass sie nicht eilen möchte, ihn von sich abzuwehren; und ist der
Zorn irgendwo Ihrem Geschlechte erlaubt, möchte es hier sein.
    O nein, auch da nicht! rief Maria lebhaft. Ich träumte jetzt schon von der
Erreichung einer so stillen in sich begründeten Würde, einer Sanftmut der
Seele, die in dem Ankläger oder Verläumder allein den Leidenden, den zu
Beklagenden sieht; dann aber muss der Zorn fern bleiben, und unsere Worte werden
um so mehr den Charakter der Überzeugung tragen. Doch als die größte Sünde
sollten Männer sich fürchten, eine Frau überhaupt in die böse Stimmung des Zorns
zu versetzen. Denn wäre auch das größte Recht auf unserer Seite, wir werden uns
doch stets im Nachteil befinden, eben weil wir aus unserer Natur heraustreten.
Es bleibt ein Misslaut in uns zurück, hätten wir auch den glänzendsten Sieg davon
getragen. Wüssten die Männer doch, wie dankbar wir denen sind, in deren
Atmosphäre wir rein und furchtlos aufatmen, und sorgenlos unserer Natur uns
hingeben können, ihres Schutzes gewiss und ihrer edelen Beobachtung aller feinen
Begrenzungen unserer dann so glücklichen Existenz!
    Richmond hob den sinnend niedergeschlagenen Blick bei diesen Worten zu ihr
auf. Ein
