
auch viele. Jener breiten Detailmalerei nicht zu erwähnen, welche, weit entfernt
eine größere Anschaulichkeit zu bewirken, den Leser vielmehr nur seine
Unfähigkeit empfinden lässt, alle die kleinlichen Elemente zu einem Gesammtbilde
zu vereinen, sei hier nur des großen Missverhältnisses gedacht, in welchem bei
Scott die Dichtung zu dem gegebenen geschichtlichen Stoffe steht. Nur zu sehr in
der Tat lässt der Dichter es uns merken, dass er selbst sich weit mehr für das
Historische, als für seine eigene Schöpfung interessiert, und jemehr es ihm
vermöge der Lebendigkeit seiner Darstellung gelingt, auch dem Leser ein
Interesse für das Geschichtliche einzuflößen, desto dürftiger muss diesem der
innerhalb mächtig hervortretender Weltverhältnisse sich abspinnende kleine
Liebesroman erscheinen. Ja selbst der von Scott mit großem Erfolg gebrauchte
Kunstgriff, durch das geheimnisvolle Dunkel, darein er eine lockere Erfindung so
lange als möglich zu hüllen weiß, die Neugier des Lesers in Spannung zu
erhalten, dient nur dazu, bei endlich erfolgter Entwickelung um so mehr das
Gefühl der Enttäuschung hervorzurufen, indem der lange genährten Erwartung statt
einer wichtigen, weitgreifenden Katastrophe, zuletzt doch nichts dargeboten
wird, als die Vereinigung eines halbwüchsigen Liebespärchens, an dem sich die
grossartigsten weltgeschichtlichen Bewegungen verkrümeln. - Unstreitig ist der
unmittelbare und wesentliche Stoff des Romans überhaupt das Leben der Familie,
wie denn dies in der Romanen-Literatur stets durch die Tat anerkannt worden
ist. Wir erinnern nur an die älteren englischen Romane; und selbst unsere
verrufenen deutschen Familiengemälde sind nicht darum so geringhaltig, weil sie
das Familienleben darstellen, sondern weil sie es in seiner grösstmöglichsten
Dürftigkeit auffassen, weil sie die Poesie darin suchen, es aus allem
Zusammenhang mit allgemeinen Interessen herauszureissen, und seine ganze Energie
auf die ungestörte Erhaltung einer isolirten Existenz hinzurichten; daher denn
auch Armut bei ihnen ein so wichtiges tragisches Motiv ist, und dauerndes
Familienglück hauptsächlich durch plötzlich hereinscheinenden Reichtum bewirkt
wird. Ein würdiger Gegenstand für die Poesie ist aber die Familie erst, wenn sie
der gemeinen Not des Lebens durch günstige äußere Verhältnisse entrückt, zu
keiner Verzichtleistung auf höheren und feineren Lebensgenuss gezwungen ist.
Mannigfaltigere Interessen treten dann in ihr hervor, sie selbst öffnet sich
dem, was die Welt bewegt, und ohne sich an das öffentliche Leben aufzugeben,
nimmt sie doch dessen Wirkung in sich auf, und entwickelt erst so ein in
Gesinnung, Charakter und Tatkraft innerlich reiches, wahrhaft sittliches Dasein.
Wird nun die Familie in dieser Würde und Bedeutsamkeit Gegenstand dichterischer
Produktion, so kann sie nur entweder in bestimmten allgemeinen Beziehungen zu
den Mächten des geschichtlichen Lebens festgehalten werden, - wie z.B. der edle
Familienkreis, in welchen Wilhelm Meister uns einführt, an Kunst,
weltbürgerlicher Erziehung und großartiger Industrie die Bezüge hat, die ihn der
Geringheit und Dürftigkeit eines bloß selbstischen Familieninteresses entreißen
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