 verborgenen Winkel bei mir ebenfalls lauern
musste. Ich sah ja alles verfälscht, vom armseligen Journalisten und seinem
Handlanger an, die beide mit entwendetem Tiefsinn und geraubtem Scharfblick nur
ihr trostloses Leben fristen, und ihre winzige Persönlichkeit bemerkbar machen
wollen, bis hinauf zum Fürsten, dem ein faselnder Minister allerhand
unregentenhafte Kostbarkeiten vor dem Volke in den Mund legt. Sollte ich denn
allein eine Ausnahme machen?«
    »Sie sind eine!« rief Hermann begeistert, Wilhelmin feurig die Hand
drückend. »Wir leben in einer erbärmlichen Welt, und man möchte mit Feuer und
Schwert darein wüten!«
    »Da würden wir nebenher auch verzehrt. Nein, bei uns müssen wir beginnen,
und mit unsrem Selbst den ersten Baustein zum Tempel der neuen Andacht tragen;
Lege den Gehalt einer Gesinnung auch in das kleinste Tun! Sprich nichts, als was
du wirklich gedacht hast! Sei wahr in jedem Atemzuge! Nach diesen drei
Vorschriften lassen Sie uns jeden Moment unsres Daseins prüfen, und wenn wir
selbst auf solche Weise streng gegen uns sind, dann haben wir die Befugnis,
unerbittlich gegen andre zu sein. Antworten Sie mir! Sind Sie durchdrungen von
dem, was ich äußerte? Haben Sie den Mut, mit mir auf der neuen dornigen Bahn zu
wandeln?«
    »Ja!« war alles, was Hermann vorbringen konnte. Sein ganzes Leben ging in
diesem Augenblicke ihm vorüber. Er fühlte, wie oft er die Fehler und
Zweideutigkeiten sich hatte zuschulden kommen lassen, die Wilhelmi so scharf
rügte. Die Sucht zu glänzen und zu scheinen, war ihm leider nicht fremd
geblieben. Er gelobte sich mit stillem Schwure, ein andrer und bessrer zu werden.
    Wilhelmi nahm einige Zeremonien vor, die wir unbeschrieben lassen. Dann
umarmte er den Neophyten, und rief: »So nehme ich dich denn auf, mein Bruder, in
den neuen Grad, den ich hiemit stifte!«
 
                                Elftes Kapitel
»Der Orden, dem Sie und ich angehören, wird bestehn, solange die Welt besteht,
denn seine Formen sind ewig und unsterblich. Aber der Stoff, der in das Gefäß
getan wird, veraltet von Zeit zu Zeit, oder verbraucht sich ganz und gar, und
auf diesem Punkte stehen wir jetzt. Was soll uns die Humanität, die einst in
unsern geweihten Hallen zuerst ihr stilles Reich gründete? Leider sind wir
draußen nur gar zu human geworden. Ein neues Licht tut uns not, dafür wollen wir
Lehrlinge suchen, stufenweise sollen sie zu der Erkenntnis geführt werden, dass
die Menschheit eine Masse ist, welche der Verwesung entgegengeht, wenn nicht
rasch eingeschritten wird. Das sei fortan das Geheimnis unsrer Bruderschaft, und
in diesem Sinne helfen Sie, mein Freund, den Orden ohne Feindschaft und ohne
Kampf
