 zu gering, woher es auch rührt, dass kein Schuh mehr uns bequem
sitzen will.
    Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen, und
tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt. Die
große Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre Väter von ihren Hütten und
Hüttchen aus unternahmen, hat uns eine Menge von Schätzen zugeführt, welche nun
auf allen Markttischen ausliegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die
geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu
erwerben. Aber es geht mit geborgten Ideen, wie mit geborgtem Gelde, wie mit
fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet, wird immer ärmer. Aus dieser
Bereitwilligkeit der himmlischen Göttin gegen jeden Dummkopf ist eine ganz
eigentümliche Verderbnis des Worts entstanden. Man hat dieses Palladium der
Menschheit, dieses Taufzeugnis unsres göttlichen Ursprungs, zur Lüge gemacht,
man hat seine Jungfräulichkeit entehrt. Für den windigsten Schein, für die
hohlsten Meinungen, für das leerste Herz findet man überall mit leichter Mühe
die geistreichsten, gehaltvollsten, kräftigsten Redensarten. Das alte schlichte:
Überzeugung, ist deshalb auch aus der Mode gekommen, und man beliebt, von
Ansichten zu reden. Aber auch damit sagt man noch meistenteils eine Unwahrheit,
denn in der Regel hat man nicht einmal die Dinge angesehen, von denen man redet,
und womit beschäftigt zu sein, man vorgibt.«
    »Wie wahr! Wie haben Sie so ganz recht!« rief Hermann, den Redner
unterbrechend, aus. Die Gedanken, welche Wilhelmi vortrug, hatten ihn in die
höchste Bewegung versetzt.
    Jener fuhr fort: »Ich muss Ihnen gestehen, dass mich die Betrachtung der
allgemeinen Schwätzerei oft der Verzweiflung nahe gebracht hat. Wenn ich rings
um mich nichts als das lose lockre Plaudern vernahm, wenn ich Kunstvereine mit
pomphafter Ankündigung von Leuten stiften sah, die kalt an den Werken des
Raffael vorübergehn würden, zeigte man ihnen diese, ohne den Namen des Meisters
zu nennen; wenn ich hörte, da habe wieder einmal einer, vom innern Drange
getrieben, das katholische Glaubensbekenntnis abgelegt, von dem ich recht wohl
wusste, dass es mit dem religiösen Bedürfnisse bei ihm betrübt stand, dass er nur
ein leichter nachgiebiger Weltcharakter war, wenn die Schneeflocken des
politischen kalten Brandes mir aus dem Munde solcher entgegenstäubten, von denen
ich voraussehen konnte, sie würden nicht der kleinsten Aufopfrung für ein
Gemeinwesen fähig sein, dann, mein junger Freund, hatte ich Momente, in denen
ich mir hätte das Leben nehmen können! Ich betastete mich und fragte: Bist du
nicht auch ein Schemen, der Nachhall eines andern selbständigen Geistes? Ich
grub in die letzten Tiefen meiner Seele, und suchte nach der Affektation, die,
das wusste ich wohl, in irgendeinem
