 zu der reizenden Verwirrung eines Stillebens
gesucht haben. In Reihe und Glied schnurgrade standen die Bücher, von himmelblau
angestrichnen Brettern hoben sich die Raritäten hinter wasserhellen Scheiben
nett und deutlich ab.
    »Helfen Sie mir!« sagte Wilhelmi zu Hermann, der die Totenurnen, die
Elfenbeinsachen in den Schränken, die Zeichnungen und Risse an den Wänden
betrachtete. Sie gingen in ein Seitenkabinett, und Wilhelmi schlug den Deckel
von einem großen Kasten zurück. Mit Verwundrung sah Hermann darin einen
vollständigen mystischen Apparat.
    Als sie ihn auspackten, horchte Wilhelmi auf. »Mir war es«, sagte er, »als
hörte ich ein Geräusch.« Im Zimmer war aber nichts zu erblicken. Vorsichtig
schloss er die Türe nach außen ab.
    Hierauf schmückten beide das Zimmer in seltsamer und geheimnisvoller Weise
aus. »Tun wir auch recht?« fragte Hermann bedenklich. »Es ist auf kein Schisma
abgesehn«, versetzte Wilhelmi, »ich stelle diese Zeichen nur um uns her, unsre
Gedanken von der gemeinen Alltäglichkeit abzusondern, die leider in jedem
Momente sich aufdrängt.« Er nahm in einem tronartigen Lehnstuhle Platz, Hermann
musste sich gegenüber auf einem Tabouret niederlassen. Er war sehr gespannt auf
das, was aus diesen Anstalten sich entwickeln werde. Wilhelmi begann seinen
Vortrag folgendermaßen.
 
                                Zehntes Kapitel
»Wir können nicht leugnen, dass über unsre Häupter eine gefährliche Weltepoche
hereingebrochen ist. Unglücks haben die Menschen zu allen Zeiten genug gehabt;
der Fluch des gegenwärtigen Geschlechts ist aber, sich auch ohne alles besondere
Leid unselig zu fühlen. Ein ödes Wanken und Schwanken, ein lächerliches
Sichernststellen und Zerstreutsein, ein Haschen, man weiß nicht, wonach? eine
Furcht vor Schrecknissen, die um so unheimlicher sind, als sie keine Gestalt
haben! Es ist, als ob die Menschheit, in ihrem Schifflein auf einem
übergewaltigen Meere umhergeworfen, an einer moralischen Seekrankheit leide,
deren Ende kaum abzusehn ist.
    Man muss noch zum Teil einer andern Periode angehört haben, um den Gegensatz
der beiden Zeiten, deren jüngste die Revolution in ihrem Anfangspunkte
bezeichnet, ganz empfinden zu können. Unsre Tagesschwätzer sehen mit großer
Verachtung auf jenen Zustand Deutschlands, wie er gegen das letzte Viertel des
vorigen Jahrhunderts sich gebildet hatte, und noch eine Reihe von Jahren
nachwirkte, herab. Er kommt ihnen schal und dürftig vor; aber sie irren sich.
Freilich wussten und trieben die Menschen damals nicht so vielerlei als jetzt;
die Kreise, in denen sie sich bewegten, waren kleiner, aber man war mehr in
seinem Kreise zu Hause, man trieb die Sache um der Sache willen, und, dass ich
bei der Schutzrede für die Beschränkung mit einem recht beschränkten Sprüchlein
argumentiere: der Schuster blieb bei seinem Leisten. Jetzt ist jedem Schuster
der Leisten
