 etwas schwerer geworden, oft legte sie halb
unwillig die Feder weg, endlich kam ein Blatt zustande, in welchem ihre ganze
Seele zu lesen war.
    Der Advokat hatte sich der Herzogin vorstellen lassen, und war als Glied der
Gesellschaft aufgenommen worden. Man behandelte ihn artig, wie seine Sitte und
Bildung es verdiente. Insbesondre ließ ihm der Herzog die unheilbringende
Botschaft nicht entgelten. Denn jener benahm sich bei der Erörterung der Frage:
wer hier Herr sein solle? so verständig und bescheiden, dass der Fürst eher eine
Art von Neigung zu ihm fasste. Er hielt ihn unter einigen Vorwänden etliche Tage
zurück, weil er immer noch hoffte, Wilhelmi werde die vermisste Urkunde finden,
und damit dem ganzen Streite auf der Stelle ein Ende machen.
    In diesen Tagen ging bei dem jungen Manne eine große Verändrung vor, und er
bedurfte der ganzen Festigkeit, welche ihn auszeichnete, um das Gefühl seiner
Pflicht in sich lebendig zu erhalten. Teils Wilhelmi, teils der Herzog selbst
hatten ihn im Schloss und in den Umgebungen, die nicht leicht ansprechender
gefunden werden konnten, umhergeführt. Überall stieg ihm das Bild eines
würdigen, stillprächtigen Daseins entgegen, welches auf den Erwerb verzichtet,
weil es in seiner Fülle genug hat. Und wie in einer schönen Landschaft ein
klarer Wasserspiegel die reizende Natur ringsumher noch einmal verklärt
wiedergibt, so erhielt dieses Bild adlichen Lebens zuletzt sein seelenvolles
Auge in der Anmut der Herzogin.
    Vom Herzoge hatte er sich beurlaubt. Bei ihr angemeldet, war er nach einem
Gartenkabinette beschieden worden. Himmelblaue Tapeten bedeckten die Wände
dieses Zimmers, weiße Meubles mit goldnen Leisten standen umher, von Konsolen
herab sahen die Büsten der großen Dichter. Heitre und doch ernsthafte
italienische Landschaften füllten die Zwischenräume aus; auf einem runden Tische
lagen rote vergoldete Bände. Der Advokat schlug einige derselben auf, und fand
»Hermann und Dorotea«, »Tasso«, »Iphigenia«, Homer, die Gesänge unsres
Schiller. Die Herzogin hatte dieses Zimmer vor kurzem erst einrichten lassen;
man brachte dort den Abend zu, wenn es draußen zu schwül war, und genoss der
Aussicht auf die neuen Anlagen, welche in stetiger Folge die Blüten jeder
Jahreszeit spendeten. Alle Hausgenossen, welche zum Zirkel gehörten, besaßen den
Schlüssel zu diesem Gemache, um nach Bequemlichkeit dort verweilen zu können.
    Er war eine geraume Zeit lang allein, und seine Empfindungen wurden immer
trüber, je länger er diese gewölbten Marmorstirnen, diese Prospekte auf Felsen
und Palmen, Himmel und Meer betrachtete, oder in die gelbrot glühenden
Georginenbeete der holden Fürstin schaute. Der junge Mann hatte nichts von dem,
was man heutzutage ästhetische Bildung nennt, aber er folgte einem natürlichen
Gefühle. Seine erste Empfindung war stets, andre Menschen für edler und klüger
