. Ich habe bemerkt, dass die
Männer, welche unter dem Oheim so tätig waren, jetzt im stillen alle sich nach
Selbständigkeit sehnen, was ja auch ganz natürlich ist. Sie haben ihre Lehrjahre
unter diesem Meister vollendet, und sind durch seinen Tod losgesprochen. Mögen
sie also ihre Prozente nach reichlichster Berechnung aus meiner Bank ziehen, und
dann den vorangegangnen Genossen in alle Welt folgen!«
    »Diese Handlungen dürften doch die Befugnisse eines Depositars übersteigen«,
sagte lächelnd Wilhelmi.
    »Ich bitte dich«, versetzte Hermann, »streite mit mir nicht über Worte.
Jener Ausdruck konnte nur etwas sehr Beschränktes andeuten, und mein Gefühl ist
ein unendliches. Sei zufrieden, wenn du in meinem ferneren Leben wenigstens ein
Streben erblickst, die Gegensätze, welche auf meine Schultern geladen sind,
würdig zu schlichten.«
    »Sei denn auch du nur zufrieden, mein Geliebter«, sprach Wilhelmi. »Schon in
den letzten Tagen unsres Dortseins, und dann auf der Herreise bemerkte ich an
dir eine schwermütige Trauer, welche zu der jetzigen heitern Wendung der Dinge
nicht passt.«
    »O mein Freund, diese Trauer werde ich wohl ewig fühlen!« rief Hermann mit
ausbrechendem Schmerze. »Ich danke Gott, dass ich das alles wiedererlangen
durfte, was ich entbehrte, und doch ist mir in vielen Stunden, als besäße ich
nichts. Ist denn die Staude etwas ohne ihre Blüte? Vollendet den Baum nicht erst
seine Krone? Zuletzt, nach allen Irrfahrten, Abenteuern, Widersprüchen des
Denkens und Handelns ist dem Menschen, welcher sich nicht selbst verlorenging,
gegeben, mit dem Einfachsten sich zu begnügen, und alle Fieber der
Weltgeschichte werden endlich wenigstens in dem einzelnen Gemüte von zwei treuen
Armen und Augen ausgeheilt. Mir aber soll diese uralte, ewigneue Lösung und
Schlichtung immerdar fehlen! Die Heilige hat ihren Beruf erfüllt, indem sie mir
wieder zu einem guten Gewissen verhalf, nun zieht sie sich in Regionen zurück,
dahin ich ihr nicht folgen kann, und doch wird sie mir das wahrste, steteste
Bedürfnis sein und bleiben.«
    Ein Bedienter kam und überbrachte Wilhelmi ein Billet. Dieser las das Blatt
mit funkelnden Augen und sagte: »Fühlst du dich stark genug, eine unsägliche
Freude zu erleben?«
    »Was meinst du?«
    »Sehr selten treffen die Erfüllungen mit unsern Wünschen zusammen. Alles
pflegt entweder zu früh oder zu spät zu kommen. Hier wäre denn einmal das
beglückende Gegenteil. Ich habe früher viel durch Hitze und Schärfe verdorben,
nun, als alter, beruhigter Knabe, wollte ich versuchen, ob es mir nicht auch
gelingen möchte, zu vermitteln. Was sich in der Not gefunden, drohte, in guten
Zeiten wieder auseinander zu geraten. Das durfte nicht
