 der Verschwiegenheit von ihm forderst. Ich mag nicht an
ihn schreiben, denn aus allerhand Anzeigen schließe ich, dass mein Vater und
meine Frau mir auf der Spur sind, und ein Brief von mir könnte leicht durch eine
schadenfrohe Zufälligkeit ihnen bekannt werden.
 
                            VII. Babette an Hermann
                                                          * den 24. Oktober 1795
Ein unglückliches Mädchen, elender als Worte es zu nennen vermögen, beschwört
Sie bei der Pflicht der Wahrheit, und Sie erinnernd an die letzte Stunde, welche
alles uns vorhält, Gutes und Schlimmes, ihr zu sagen, ob ein Edelmann, namens
von Müller, der auch Graf * heißen soll, bereits vermählt, und Vater eines Sohns
sei?
 
                         VIII. Graf Heinrich an Hermann
                                                          * den 6. November 1795
Es bedarf keiner Antwort auf die Zeilen Babettens, welche Du mir überschicktest.
Sie weiß alles, und wir mögen uns nur die Haare ausraufen, mit den Nägeln unser
Antlitz zerfleischen, und dem Kitzel unsres Vaters, der warmen Stunde unsrer
Mutter fluchen, welche ein Tier mehr: Mensch genannt, in die Marterkammer,
Leben, trieben.
    November sollte das ganze Jahr hindurch sein, so schwarz, stürmisch und
regnerisch, wie dieser! Der Mai ist eine Lüge, und jeder Sonnenblick ist eine!
Da sitzen wir nun; Babette in ihrer Stube, die sie vor mir verschlossen hält,
und ich in meiner, und der Vater geht unter dem Burgwalle auf und nieder, und
zerstampft das Gras mit seinem Stocke. Unsinn der Welt, Chaos, weites, wüstes
Narrenhaus! Die Natur erbaut auf Gefühlen den ganzen großen Tempel des Seins,
und wenn wir ihnen folgen, lohnt sie uns mit Verzweiflung ab.
    Ich will versuchen, Dir zu erzählen, wenn meine von Weinen geschwollnen
Augen, meine zitternden Finger mir erlauben, den Brief zu Ende zu bringen.
    Der Zustand Babettens war unzweideutig geworden, ich entschloss mich, in
ferne Länder mit ihr zu fliehn, dort mich mit ihr zu verbinden, und für meine
deutschen Verhältnisse fortan tot zu sein. Was an diesem Vorsatze unerlaubt war,
erschien mir leicht und verzeihlich gegen die Sünde, das Mädchen meines Herzens
dem Jammer preiszugeben.
    Ich sprach mit ihr davon, arglos willigte sie in alles, schöpfte auch keinen
Verdacht, als ich ihr meinen Grafenstand entdeckte, ließ meine Vorwände gelten.
Den Taufschein erbat ich mir von Dir, damit kein Priester der Trauung
Hindernisse in den Weg legen könnte.
    Da muss mein böser Stern unsern Freund Miller in die Nähe des Neckars führen.
Du weißt, wie er mich mit seiner Freundschaft verfolgte, wie mir seine
übertriebne Empfindsamkeit zuwider war. Er hört durch Zufall von mir, und beim
wildesten Wetter steht er auf einmal in meiner Burgzelle vor mir. Ich empfange
ihn
