 zu geben, und berief sich auf die
Entsagungsurkunde, welche der Oheim an seinem letzten Lebenstage ausgestellt
hatte. Man bewog den Prediger, zu ihr zu gehen, der denn auch alle Beweggründe
der Milde und Versöhnlichkeit anwendete, ihren Willen zu beugen.
    Sie ließ ihn ruhig ausreden und sagte dann: »Ich ehre diese Grundsätze des
Friedens, aber man kann verschiedene Wege gehen, die alle recht und gut sind. Auch
die Vergeltung hat ihre Ehren. Ich bin die Rächerin meiner Familie. Er hat uns
im Leben aus unsrem Eigentume getrieben, dafür versage ich ihm die Ruhe bei
meinen Toten. Immer noch eine sehr glimpfliche Rache, sollte ich meinen. Das
Geheimnis, welches ich wusste, wäre mit mir zu Grabe gegangen, der Schlaf verriet
es einem fremden Ohre; nun wurden Versprechungen gewechselt, und Briefe den
Flammen übergeben, um es ja recht sicher zu bewahren. Aber ein kindischgewordner
Geist plaudert es wider Willen und Absicht dem Sterbenden aus, und stößt ihm
damit das Herz ab. Ich finde etwas Großes und Göttliches in diesem Hergange; er
erinnert an alte Märchen, worin Bachwellen und rauschende Baumzweige das
Tiefverborgne an den Tag bringen.«
    Da er sah, dass sie nicht zu überreden war, so stand er ab; man beschloss,
kein Aufsehn zu erregen, indem man Zwang gegen sie versuchte. Die Menschen
hatten durch die stattgehabten Ereignisse alle Besinnung verloren. Einer schlug
vor, den Oheim im Mausoleum zu bestatten, wie er ja selbst verfügt habe, und die
andern billigten seinen Rat, zu dessen Ausführung alles in Bereitschaft gesetzt
wurde.
    Aber die Natur hat zuweilen in ihrem tiefen Busen ein Gefühl für Wahrheit,
und will nicht dulden, dass das ganz Unschickliche geschehe. In der Nacht wurden
die Bewohner des Dorfs von einem Getöse erweckt, in welchem sie bald das
Rauschen stürzender Fluten erkannten. Man machte sich mit Fackeln und
Windlichtern hinzu, und sah bei deren Scheine den Bergweg zum schäumenden
Wasserfalle verwandelt. Unten im Dorfe flossen die Wogen zu einem Bache ab, der
an manchen Stellen gürteltief war.
    Als es tagte, nahm man ein grauses Schauspiel wahr.
    Durch die Eingangspforte des Mausoleums, wie durch einen Brückenbogen, schoss
der weissschäumende Strom bergab, und hatte Mauerstücke, Bäume, ja auch die
Behältnisse, welche die Gebeine der Mutter und des Sohns bargen, mit sich
fortgerissen. Diese lagen, kläglich umgeworfen, von Schlamm und Graswust
widerlich umsäumt, am Abhange des Berges. Ein Teil des Gruftgewölbes war
eingestürzt, und dem Ganzen drohte dasselbe Schicksal, wenn die Gewalt der immer
weiter wühlenden Fluten nicht bald gebrochen wurde.
    Die Ursache dieser Zerstörung war nur zu bald entdeckt.
    Der Weiher, von der Maschine, an deren Wiederbelebung niemand in der
allgemeinen Bestürzung
