 sich über diese aufzuklären wünscht. Diese Aufklärung suche ich nicht unter
Heulen und Zähnklappern, sondern mit einem stillen Verlangen, dessen
Befriedigung mir so das Liebste wäre, was mir hier noch begegnen könnte.«
    Der Prediger sah wohl ein, dass eine solche Stimmung mit der eigentlichen
christlichen Sehnsucht nichts gemein habe. Gleichwohl durfte er, in seinem Amte
angesprochen, sich dem Suchenden nicht versagen. Er wählte daher den Weg der
historischen Belehrung, und schlug dem Oheim vor, sich zuvörderst davon zu
unterrichten, wie Lehre und Dogma seit ihrem Entstehen von den Menschen
aufgefasst worden seien, und unter ihnen gewirkt haben.
    Dem Oheim war dies ganz genehm, und so brachte denn der Prediger von da an
in jeder Woche mehrere Abendstunden bei seinem Patrone zu, ihm aus einem
Handbuche der Kirchengeschichte vorlesend und seine Erläutrungen hinzufügend.
Mit großem Interesse verfolgte der alte Mann die Entwicklungen der christlichen
Kirche, und wies oft mit vielem Scharfsinne die Verwandtschaft unter den
verschiedenen Lehrmeinungen und Sekten nach. Sehr bald hatte er ausgefunden, dass
das eigentümliche Leben des christlichen Geistes sich in den drei ersten
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung erschöpft, und dass alles Spätere doch nur
mehr in Wiederholung und Modifikation einer schon früher dagewesenen Entfaltung
bestanden habe.
    Bei den Gesprächen über diesen Gegenstand erwähnte der Prediger einst des
Umstandes, dass sich auch die Versuche der frühesten Häretiker, den göttlichen
Geheimnissen auf magische oder sinnliche Weise beizukommen, bis in die jüngsten
Zeiten erneuert hätten. »So befand sich hier ganz in der Nähe«, sagte er, »vor
etwa hundert Jahren eine Gemeinde, welche alle Schwärmereien der Gnostiker und
Manichäer in sich vereint wieder aufleben ließ, und ziemlich lange ihr Wesen
trieb, bis die herrschende Kirche sie mit solcher Strenge unterdrückte, dass
nicht einmal ihr Gedächtnis in den Nachkommen geblieben ist, und auch ich von
ihrem Dasein nichts wissen würde, hätte ich nicht ihre Geschichte, von einem
Märtyrer der Sekte aufgeschrieben, ganz zufällig unter vergessenen Papieren
gefunden. Woher sie ihre Irrtümer genommen, ist mir dunkel geblieben; aus den
Papieren ging so viel hervor, dass die Bekenner jenes Wahns geringe Leute gewesen
waren, von denen sich nicht vermuten ließ, dass sie die Sache aus gelehrter Kunde
geschöpft haben sollten. Ich bin daher schon auf den Gedanken gekommen, dass sich
gewisse Einbildungen immer von Zeit zu Zeit wie Krankheiten von selbst aus dem
Leben der Kirche erzeugen, und dass namentlich die böse Täuschung, dem Göttlichen
durch geheime Zeichen und eine willkürliche Allegorie beikommen zu können,
fortwuchern wird, solange es ein Christentum gibt.
    Auch ihre Begräbnisstätte habe ich vor kurzem entdeckt«, fuhr der Prediger
fort. »Sie liegt in einer einsamen wüsten Gegend, und wie durch Instinkt
getrieben, haben sie sich ihren Ruheplatz um Trümmer bereitet,
