
Zustand der Pflanze, er vegetierte.
    Dass in einer so vernichteten Seele dennoch richtige Anschauungen, ja Ideen
einkehren konnten, bestätigte meine alte Überzeugung von der Natur der
menschlichen Seele überhaupt. Wir sind weit mehr Depots des geistigen Fluidums,
welches durch das Universum streicht, als dass wir es selbsttätig erzeugten. Auch
hier sind die Volksredensarten von den Gedanken, die einem Gott, und denen, die
einem der Teufel eingegeben, wohl zu beachten und tiefen Sinnes. Nie hätte ich
freilich gewünscht, den Beweis für meine Hypothese durch einen Menschen zu
erhalten, dessen Los mir naheging. Meine Abneigung gegen ihn war schon früher
verschwunden gewesen, ich hatte mir seine guten Seiten klargemacht, und seine
jetzige Krankheit schnitt mir durch das Herz.
    Ich sah ein, dass in diesem Falle am allerwenigsten positiv zu verfahren sein
werde, dass man treu aufmerkend neben dem Leidenden stehen und irgendein
günstiges Ereignis abwarten müsse, was zur Heilung benutzt werden könne. Am
erwünschtesten wäre mir gewesen, wenn ich der verborgenen Quelle des Kummers
hätte auf die Spur kommen können, allein in dieser Beziehung scheiterten alle
meine Versuche. Der Unglückliche verschloss die Ursache seiner Schmerzen in
tiefster Brust, und auch die Brieftasche war verschwunden. Wir durchsuchten in
seiner Abwesenheit alle Winkel des Zimmers, ließ Schränke und Kommoden öffnen;
umsonst! sie war nicht zu finden.
    Eine Geschäftsreise führte mich in die Nähe von Flämmchens Landhause. Ich
machte einen Abstecher dorthin, weil ich glaubte, ich würde vielleicht da einige
Aufklärungen über diese dunkle Geschichte erhalten. Das Haus war unter
Sequestration, welche die Verwandten des Domherrn ausgebracht hatten. Das
Witwenkind hatte man mit der Alten ausgetrieben, da binnen der gesetzlichen Zeit
kein Leibeserbe hatte erscheinen wollen. Neue Leute befanden sich im Hause,
welche mir nichts, was mir diente, sagen konnten.
    Als ich nach * zurückkehrte, war Johanna an der Hand des Generals soeben aus
ihrer Dunkelheit hervorgegangen. Wie sie sich bis dahin fast menschenscheu
abgeschlossen hatte, so verspürte sie nun das Bedürfnis, mit ihren alten
Freunden aufs neue anzuknüpfen. So besuchte sie denn auch Wilhelmis Haus, und
erfuhr dort Hermanns Schicksal.
    Ihr Mitleid war grenzenlos. Mir machte sie die bittersten Vorwürfe, dass ich
ihr die Sache verborgen, wozu ich meine guten Gründe gehabt hatte. Sie verlangte
von mir die Erlaubnis, den Kranken zu sehen, zu sprechen, ich weigerte mich auf
das bestimmteste, dieselbe zu erteilen, da alle Aufregungen mir in seinem
Zustande bedenklich zu sein schienen.
    Indessen, wie die Frauen sind, die zuweilen hartnäckig auf ihrem Sinne
bestehn, sie gibt das Vorhaben nicht auf, dessen Ausführung die mächtigsten
Gefühle ihrer Brust heischen. Im stillen erforscht sie, dass zu dem Gartenzimmer,
worin er wohnt, ein besondrer Zugang
