 Natur,
Schönheit und Wahrheit, Staat und Menschenwohl schweben dem ausgeleerten, öden
Geiste, wie dünne Schatten vorbei, welche er nicht zu fassen, an denen er sich
nicht anzuklammern vermag!
    So sich abarbeitend, die Kräfte gegeneinander treibend, verfiel er nach und
nach in den Zustand, wo nun alles ruht und tot ist, den wir trauernd anschaun,
worin wir ihn duldend unter uns wandern lassen, und von dem wohl keine Heilung
zu erwarten ist.«
    Nachdem Wilhelmi mir diese Eröffnungen gemacht hatte, beobachtete ich den
Unglücklichen in allen Stunden, welche meine öffentlichen Geschäfte mir frei
ließ. Hier wurde mir die seltenste und bedauernswerteste Geisteskrankheit
sichtbar, die ich je wahrgenommen habe.
    Hermann war körperlich gesund. Die Blässe seines Antlitzes, die Mattigkeit
seiner Augen hinderte nicht, dass alle Lebensfunktionen bei ihm den natürlichen,
regelrechten Gang nahmen. Er aß und trank hinreichend, seine Füße trugen ihn auf
meilenlangen Wandrungen, die er in der Umgegend anzustellen pflegte, ohne dass
bei der Heimkehr eine Erschöpfung an ihm zu verspüren gewesen wäre; er
schlummerte tief und ruhig. Auch war er keinesweges wahn - oder blödsinnig; er
las viel, hörte Gesprächen von allgemeinerem Interesse gern zu, und ließ seine
Bemerkungen vernehmen, die immer verständig, zuweilen scharfsinnig, hin und
wieder selbst tief waren. So gab er einst, da wir viel über Schicksal und
Selbstbestimmung geredet hatten, den Begriff der Freiheit dahin an, dass sie die
Form der Notwendigkeit sei, und führte diesen Satz auf eine Weise durch, welche
uns alle in Erstaunen setzte.
    Dennoch war er im Kerne des Seins gestört, ja getötet. Das Leben, welches in
Freude und Leid, in Begehren und Verabscheuen, in Liebe und Hass, in den
Wechselbeziehungen zu unsern Nebenmenschen besteht, war in ihm durch eine
schreckliche Erinnrung ausgelöscht. Er weinte und lachte über nichts, ein
stehendes gleichgültiges Lächeln machte seine Züge zur Maske. Er wollte nichts,
und wendete sich von nichts hinweg, er hatte keinen Freund und keinen Feind, die
besonderen Verhältnisse andrer waren für ihn so wenig vorhanden, als seine
eigenen, mit einem Worte: Das Individuum schien in ihm völlig untergegangen zu
sein. Nur allgemeine Gedanken und Vorstellungen nahm diese Seele, wie ein leeres
Gefäß noch auf, ohne die Federkraft zu besitzen, sie in ihr Eigentum zu
verarbeiten, und daraus die Nahrung zu Entschlüssen zu saugen.
    So lebte er, scheinbar ein Mensch, aber ohne Anteil, und in der Tat den
Kreisen, welche unser Dasein umschließen, entrückt, seine Tage hin. Die Zeit war
für ihn keine Zeit, denn er empfand den Wechsel der Begebenheiten nicht, der Ort
kein Ort, denn keine Sympatie fesselte ihn mehr an eine Stätte. Es war der
