 erzählen. Dazwischen war
denn allerhand Ästetik getrieben worden, so dass der ganze Kerl nicht viel über
fünfundsiebenzig Pfund wog, als er durch die Porta del Popolo seinen Einzug
hielt. Dort über den Sieben Hügeln vollendete der Katholizismus, was die
Liederlichkeit angefangen hatte, und brachte ihn einer Nervenschwindsucht nahe,
vor welcher ihn ein wackerer deutscher Arzt nur mit Mühe durch die sorgfältigste
Kur bewahrte. Sein Geist aber ging unrettbar unter in leistenartigen und
sozusagen klebrigen Begriffen. Ob er ein elfenbeinernes Christusbild in einem
groben hölzernen Futterale entdeckt, oder dies dem Hermann nur vorgelogen hat,
um seine sogenannte Bekehrung nazarenisch aufzustutzen, weiß ich nicht; ich
würde mich aber jedenfalls schämen, von einer solchen groben Handgreiflichkeit
meine Wiedergeburt zu datieren.
    Mir ist alle bewusste und sich vortragende Religiösität in der Gegenwart ein
Greuel, denn sie tritt, wo sie sich zeigt, aus dem Rahmen der Kirche, welcher
sie angehören will. Sie entbehrt sonach des einzigen Zusammenhangs, durch
welchen sie sich als echt beglaubigen könnte. Es gab oder es gibt wenigstens
jetzt durchaus keine andre aufrichtig - fromme Menschen, als die es
unwillkürlich, und ohne viel Wesen davon zu machen, sind. Wie mich der Anblick
des Siechlings, der sich denn auch, um die Sache bis zur Spitze zu treiben, die
Tonsur hatte scheren lassen, anwiderte, da ich das Schloss betrat! - Ich
erwartete gleich wenig Gutes von ihm.
    Dieser unglückselige Mensch hatte sich nach und nach gewöhnt, alles in der
Welt unter der Verknüpfung von Schuld und Busse anzusehen, und sich so die große,
grenzenlose Mannigfaltigkeit, welche durchaus verlangt, dass man vieles mit
leichtem Blicke als gleichgültig und lässlich betrachte, in einen grauen,
ekelhaften Brei zusammengerührt, von dem zu dieser Stunde eine Kelle voll als
Schuld, und zu der nächsten eine zweite als Busse einzunehmen sei. Die
natürlichen Folgen, die zufälligen Ereignisse waren für ihn nicht mehr
vorhanden, in jedem Zahn- und Kopfschmerz sah er ein göttliches Strafgericht.
    Dass ein solcher devoter Taugenichts bei Gelegenheit, wenn es eben an Sünde
gebricht, auch wohl darauf ausgehen kann, selbige künstlich zu verfertigen, um
wieder Stoff für die Pönitenzmühle zu liefern, haben Sie in seinem Verhalten
gegen Hermann, was ziemlich nach Kuppelei schmeckt, richtig geschildert,
obgleich Sie sonst den Patron viel zu milde behandeln.
    Ihm fiel die arme Schwache in die Krallen, als sie sich mit ihren erträumten
Gewissenslasten im stillen plagte. Bei Durchlesung und Vergleichung der beiden
Bekenntnisse habe ich gefühlt, dass eine, um mich des Ausdrucks zu bedienen,
robuste Sittlichkeit diejenige ist, welche uns zu unsrer und andrer Freude durch
das Leben geleitet. Auch die Tugend kann kränkeln, scheinbar in ihrer höchsten
Blüte vorhanden sein, gleichwohl aber das Geschöpf von einem
