 sie sich gegenseitig
aufheben.
    Ich fühle mich daher immer versucht, von der Ebne, in welcher diese Wogen
als Revolutionen, Tronstreitigkeiten, Kongresse und Interventionszüge sich
brausend mischen, aufwärts nach dem Gebirge emporzusteigen, welches durch seine
hinabgesendeten einzelnen Fluten jene allgemeine Wasserwüste erschafft. Nie sind
die Individuen bedeutender gewesen, als gerade in unsern Tagen, auch der Letzte
fühlt das Flussbette seines Innern von großen Einflüssen gespeist. Dort also, auf
entlegner Höhe, an grüner Waldsenkung, zwischen einsamen Felsen, im Rücken der
politischen Ebne, wachsen und springen meine Geschichten. Jeder Mensch ist in
Haus und Hof, bei Frau und Kindern, am Busen der Geliebten, hinter dem
Geschäftstische und im Studierstübchen eine historische Natur geworden, deren
Begebenheiten, wenn wir nur das Ahnungsvermögen dafür besitzen, uns anziehn und
fesseln müssen.
    In diesem Sinne reicht die Gegenwart oder die jüngste Vergangenheit dem,
welchem das besondere, gegliederte Leben mehr gilt, als der unentschiedne
Strudel, in welchen die verschiedenen Strömungen der Lebenstätigkeiten endlich
zusammenrinnen, wenn sie in den Konflikten des Öffentlichen einander begegnen,
des Stoffes die Fülle dar, und es ist nicht nötig, in die Zeiten der Kreuzzüge,
oder der Jesuitenherrschaft, oder des Dreissigjährigen Kriegs zurückgehn, um
bedeutsame Anschauungen zu gewinnen.
    Man hat unsre Tage mit denen der Völkerwandrung verglichen. Das Römische
Reich zerfiel in jenen, und die Germanen traten an dessen Stelle. Auch wir
hatten so ein Römisches Reich an der Autokratie der Fürsten oder gewisser
allgemeiner Begriffe. Beides neigt sich zu seinem Untergange, und die
Individualitäten in ihrer schrankenlosen Entbindung stehen als die Germanen der
Gegenwart da. Noch haben sie nur zerstört, nicht das geringste Neue ist von
ihnen bisher erfunden und gebildet worden. Mein Sinn, in welchem etwas
Dichterisches sich nicht austilgen lassen will, neigt sich mit Wehmut und Trauer
dem Verfallenden zu, denn die Musen sind Töchter der Erinnrung; aber eine
Tatsache lässt sich nicht ableugnen, nicht verschweigen.
 
                            V. Derselbe an Denselben
Nachschrift um Nachschrift. Dieser Brief soll nämlich eine sein.
    Dass Hermann bei seiner Rede an die Herzogin im Feuer der Emphase sich an der
Chronologie versündigt, und dass der falsche Demagoge behauptet hat, von
neununddreissig Tyrannen verfolgt zu werden, ist historische Tatsache, welche mir
der Held noch vor wenigen Wochen bestätigte. Dagegen ließ sich also nichts
machen.
    In betreff des Amtmanns vom Falkenstein bin ich unschuldig. Sie haben die
Bleistiftkorrektur an der Seite übersehen, nach welcher der Satz so lautet:
    »Unter den Hausbeamten, welche bei diesen Zurüstungen mitwirkten, bemerkte
er wieder seinen Jagdgenossen, den Amtmann vom Falkenstein, einen Mann von
unangenehmen Manieren, dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte. Hermann erfuhr
usw.«
    Sollten Setzer und Korrektor gleichfalls den Bleistift übersehn, so diene
dieser
