 dieses Stroms. Weit über die Ufer, ja über die niedrigeren
Dämme hin, wogte die graugelbliche Wassermasse mit weisskräuselnden
Wellenhäuptern, Landstraßen und Fluren waren verschwunden, nur in der Ferne
deuteten Turmspitzen und Waldsäume das Feste noch an. Man führte mich auf die
Brücke, von welcher man in dieses wogende Getöse hinabsah, und meine Begleiter
forderten mich auf, über das große Naturschauspiel zu erstaunen. Ich aber konnte
an dem wüsten Einerlei, an dem Unabsehlichen, Nichtzuunterscheidenden keine
Größe entdecken, und blieb in meiner Seele ganz ungerührt. Die andern schalten
mich verstockt, fanden aber gleichwohl auf meine Frage: ob Millionen Tonnen
Wassers, zusammengegossen, eben mehr wären, als Wasser? nichts zu erwidern.
Gleich danach reiste ich in unser Oberland, in den Harz, welcher einen Teil der
Fluten aus seinen von Schnee und Regengüssen geschwellten Wässern dem Strome
zugesendet hatte. Wild und hastig stürzten die Flüsse, Flüsschen und Bäche dem
ebnen Lande zu, aber jedes Bette hatte seine eigentümliche Gestalt, die Wände
fassten noch das Gerinne, welches hier rasch und tosend fortschoss, dort sich um
Baumstücke oder Felsblöcke brausend wirbelte, und jegliche dieser schäumenden
Adern gewissermaßen zu einer lebendigen Person machte. Hier ward nun mein
Entzücken laut, ich konnte mich nicht satt sehen an diesem Toben und Wesen, und
sagte, das sei das wahre, große Naturschauspiel, wenn die Kräfte so besonders
und für sich aufträten, und doch so innig zusammenhingen. Denn Seitenspalten und
Nebenkanäle verknüpften diese Söhne des Gebirgs, die Elementargeister reichten
einander die silberweissen Arme.
    Die Knabenerinnerung soll eine parabolische Antwort sein auf die Frage,
warum ich statt der Familiengeschichten nicht Welt- und Zeitgeschichte
geschrieben habe, und warum ich sie vermutlich niemals schreiben werde. Mir
erscheint ihr Geist nur in großen Männern, nur die Anschauung eines solchen
vermöchte mir den Sinn für irgendeine Periode aufzuschließen. Wir besitzen aber
keinen, haben seit Friedrich keinen besessen. Napoleon schien sich eine Zeitlang
dazu anzulassen, aber es fehlte ihm die letzte Weihe, das organisierende Genie.
Er hat nicht einmal vermocht, einen originalen französischen Staat zu schaffen,
seine Institutionen sind schon jetzt veraltet. Im Laufe der Jahrhunderte wird er
nur wie ein Attila und Alarich, die Vorläufer Karls des Großen, dastehn, und
diesen zweiten Karl, diesen Erneuer des mürbe gewordnen Weltstoffs werden unsre
Augen leider nicht mehr erblicken. Was ist also das politische Leben unsrer
Zeit? Eine große, weite, wüste Überschwemmung, worin eine Welle sich zwar über
die andre erhebt, aber gleich darauf von ihrer Nachfolgerin wieder umgestürzt
und zerschlagen wird. Ich kann daran nichts Schönes erblicken. Leider haben die
Beherrschten mehr Geist als die Herrscher, deshalb vermag nicht einer dieser
feste Gestalt zu gewinnen, und jener sind viele, so dass
