 Ordnung zu bringen. Ich frage:
Liegen einer solchen Stimmung die freien, sinnlichglänzenden Kunstwerke nahe?
Wird uns aus den fliegenden Gewändern, aus dem gefälligen Faltenwurfe, und den
runden Gliedern und Formen nicht immer eine gewisse Leere und Kälte
entgegenhauchen? Wird unser nach der Einheit der Regel schmachtender Geist nicht
eine innigere Wahlverwandtschaft mit den alten strengen, symbolischen Bildern
empfinden? - Und in diesem Sinne muss ich unsrer Freundin vollkommen recht geben,
und wenigstens meinesteils auch so viel behaupten, dass wenn in unsrer Zeit eine
eigentlich große Kunst entstände (was ich aber aus vielen Gründen für mehr als
zweifelhaft halte) diese mit der sogenannten byzantinischen eine starke
Ähnlichkeit haben müsste.
    Diese Rede, welche manchen Widerspruch fand, wurde von Wilhelmi mit so
geschickten und glänzenden Wendungen verfochten, dass er endlich alle Opponenten
zum Schweigen brachte. Die Meyer genoss ihren Triumph, und holte leise ein paar
uns noch unbekannte Täflein herbei, von welchen allerhand heilige Gestalten, so
schmal, als man sie nur verlangen konnte, auf Goldgründen die Beschauer ansahen.
Eine allgemeine Erbauung griff um sich; man fragte die Besitzerin, aus welchem
Kloster diese Schätze herrührten, welche jeder anwesende Kenner unbedenklich dem
dreizehnten Jahrhundert zuschrieb.
    Unsre Wirtin lächelte und sagte: Freund Wilhelmi zweifelt an dem Aufblühn
einer großen Kunst unter uns, so viel ist aber gewiss, dass es Gemüter heutzutage
gibt, in welchen die ganze Begeisterung jener alten Meister schlummert. Ja,
meine Freunde, diese Tafeln, von welchen Sie glauben, sie seien ein halbes
Jahrtausend alt, sind vor noch nicht zwei Monaten, und hier in meinem Hause
gemalt.
    Sie weidete sich an dem Erstaunen der Gesellschaft, und fuhr fort: Ich halte
einen frommen Jüngling bei mir verborgen, welcher diese Bilder verfertigt hat.
Durch Zufall machte ich seine Bekanntschaft, und fühlte mich verpflichtet, ihm
fortzuhelfen, da ich sah, dass der Geist der Väter auf ihm ruhe. Noch mehreres
als dieses hat er bereits geliefert. Ich sehe Ihr Erstaunen über das wundersame
Talent, und da wir so freundlich beisammen sind, so erlauben Sie mir, ihn unter
Ihnen einzuführen, Ihrer Huld und Gunst ihn zu vertrauen. Gewiss, Sie werden ihn
lieben und fördern, wie ich. Gegenwärtig malt er an einem Heilande, mit mystisch
geschlitzten Augen, welcher die Welt segnet, überaus ähnlich einem lieben Bilde,
dessen ich mich aus einer böhmischen Kirche erinnre. Wenn es Ihnen ebenso viele
Freude macht, wie mir, das stille Weben des Genius zu belauschen, so folgen Sie
mir zu jenem Schiebefensterchen, durch welches ich oft stundenlang, von ihm
unbemerkt, in seine stille Werkstatt blicke, und meinem Angelo (denn so nenne
ich ihn wegen seines engelreinen Gemüts) zusehe.
    Wir erhoben uns, und
