 nicht wahrgenommen, und durch Wählen und Verwerfen der
Esswaren im Korbe die armen Leute in ihren Stellungen festzuhalten wusste.
    Endlich musste man uns aber doch sehen, und nun löste sich das lebende Bild
schnell auf. Die heilige Elisabet kam, anscheinend überrascht, von den Stufen
herab, bewillkommte uns höflichst, der Junge mit dem Brotkorbe lief davon, ihm
folgten die armen Leute, und auch die Dienstmägde verloren sich still durch
Seitentüren.
    Man servierte uns hierauf in der Kapelle Schokolade und Likör, doch wusste
die Meyer das Gespräch durchaus in einer religiös-gemütvollen Schwingung zu
erhalten, wobei ihr Wilhelmi trefflich sekundierte. Nur die Vertrautesten des
Hauses waren eingeladen worden; die Gesellschaft betrug nicht über zehn
Personen.
    Wie gewöhnlich, wurde nur von Kunst gesprochen. Die Meyer äußerte
fromm-seufzend den oft vorgetragnen Wunsch, dass die Maler sich doch nur alle
erst zu jener ältesten kindlichsten Auffassung zurückwenden möchten, durch
welche allein das Höchste und Tiefste darzustellen sei.
    Das letztere wurde ihr zwar in diesem zu gefälliger Nachgiebigkeit
eingewöhnten Kreise einstimmig zugestanden, dagegen erhoben sich bescheidne
Zweifel, ob jene alte Kunst mit Glück wieder heraufzubeschwören sei. Man hat
doch nun einmal Jahrhunderte hindurch seinen Blick für die menschliche Gestalt,
wie sie ist, und für die übrigen Dinge, wie sie wirklich erscheinen, geöffnet,
sagten einige. Wie sollte man also die Augen wieder verschließen können, und den
Menschen zumuten dürfen, anstatt der Muskel eine Linie, gewissermaßen eine
Chiffre anstatt des verständlich ausgeschriebnen Worts anzunehmen.
    Da diese Sätze, welche in mannigfachen Nutzanwendungen erläutert wurden, den
gesunden Menschenverstand für sich hatten, so trieben sie unsre gute Wirtin
etwas in die Enge.
    Sie warf einen ängstlichen Blick auf Wilhelmi, der denn auch die Stimme
erhob und sich also vernehmen ließ:
    Die Kunst, sagte er, sieht wohl nie die Dinge, wie sie sind, hat sie nie so
gesehen, und noch weniger in ihrer Reinheit jemals versucht, sie so nachzubilden.
Wollte man dies annehmen, so käme man auf jenes System von der Nachahmung der
Natur zurück, welches denn wieder den Gemälden den höchsten Wert beilegen würde,
in welchen sich die getreuste Abschrift der menschlichen Haut mit allen Haaren,
Mälern, Warzen und Schrunden zeigt. Diese Wahnmeinungen sind aber abgetan, und
man braucht sie kaum noch zu bestreiten.
    Aber was sieht denn die Kunst, und was versucht sie darzustellen? fragte
jemand.
    Den Geist in der Natur, versetzte Wilhelmi, oder vielmehr die Form, welche
der jedesmaligen Evolution des Geistes draußen in der Welt der Erscheinungen
entspricht. Die Kunst ist geistiger Abkunft, sie erscheint immer im Gefolge
irgendeiner großen religiösen, philosophischen oder poetischen Bewegung, selten
mit ihr zugleich, meistenteils etwas nach ihr. So schuf Phidias in seinem
