 Zeit! Gehören Sie
denn nicht auch zu ihr, Sie mit Ihren trüben Ansichten eben recht zu ihr? Es ist
charakteristisch, dass wir immer von der Zeit reden, von unsrer Zeit. Wo fängt
sie denn an, und was hat sie eigentlich so Besondres, wenn wir einmal ganz auf
den Grund gehen wollen?«
    »Sie spielt Komödie, wie keine andre«, sagte Wilhelmi. »Die alten
Jahrhunderte haben uns ihre Röcke hinterlassen, in die steckt sich die jetzige
Generation. Abwechselnd kriecht sie in den frommen Rock, in den patriotischen
Rock, in den historischen Rock, in den Kunstrock, und in wie viele Röcke noch
sonst! Es ist aber immer nur eine Faschingsmummerei, und man muss um des Himmels
willen hinter jenen würdigen Gewändern ebensowenig den Ernst suchen, als man
hinter den Tiroler- und Zigeunermasken wirkliche Tiroler und Zigeuner erwarten
soll. Was aus unsrer Jugend, die so recht vom Geiste der Gegenwart durchsogen
ist, werden mag, ist in der Tat schwer abzusehn. So ein junger Mensch von heute
steht im vierundzwanzigsten Jahre fertig da, alles ward ihm leicht und mundrecht
gemacht, im Fluge hat er den Schaum von der Oberfläche der Dinge abgeschöpft.
Dass der Mensch nur durch Erfahrung, unter Arbeit und Not zu irgendeiner
Erkenntnis gelangen kann, dass man durch das Kleine sich lange Jahre
hindurchwinden muss, bevor man das Grössere zu verstehen imstande ist, dass nur das
wahrhaft besessen wird, was errungen, ermüht und erlitten wurde, wer möchte
dergleichen Dinge jetzt aussprechen? Die wohlfeilen Kommunikationsmittel fördern
den jungen Weisen in reissender Schnelligkeit durch alle Lande, er ist durch den
Vatikan gestrichen, nun ward er ein Kunstkenner, er hat den Tunnel angesehen,
seitdem versteht er sich auf Mechanik. Benjamin Konstant sprach mit ihm ein paar
höfliche Worte - der Politiker war ausgebrütet. Bescheidenheit, Gehorsam,
Unterordnung, Zweifel an der eignen Unfehlbarkeit sind ihm Ammenmärchen,
Grossmutterschwächen. Überall und nirgends zu Hause, kehrt er zurück ins
Vaterland, ein Riese an Sicherheit, der aber bei jedem Schritte ausgleitet,
kluge Reden hält er über gute Lebensart ...«
    Ein herzliches Lachen unterbrach den schwarzgalligen Redner. »Daher der
Zorn!« rief die Herzogin. »Der arme Hermann! Sie haben doch ein rachsüchtiges
nachtragendes Gemüt, Wilhelmi!«
    Währenddem der Herzog den Spott seiner Gemahlin fortsetzte, wurde ein Billet
an Wilhelmi abgegeben. Dieser wollte es ungelesen einstecken. »Öffnen Sie doch,
es könnte etwas Eiliges sein«, sagte der Herzog. Wilhelmi brach auf und rief:
    »Von unsrem Abenteurer!« Er las folgende Zeilen:
    »Es ist mir eine unerträgliche Empfindung, in dem hohen und freundlichen
Kreise, welcher mich einige Stunden in seiner Mitte duldete, eine
