 sanfte Zerfliessen ein Greuel, ärgert sich und
ergrimmt zu wilden Gedanken, wenn die Sachen so weit gekommen sind. Die Erze in
den Schachten rauschen und glimmern, die Waffen in den Rüstsälen klirren, die
Goldstücke und Taler in den Säckeln der Reichen klappern unheimlich. Vor diesem
bösen Wesen erschrickt Luna, nimmt ab bis zum Neumonde, und scheint für immer
verschüchtert zu sein. Aber wer kann das Herz zwingen? Kaum hat sich der grimme
Proteus wieder etwas zur Ruhe begeben, so blinkt auch die liebe Sichel wieder am
Saume des Horizonts hervor, und das trauliche Spiel beginnt aufs neue.
    Den Tod hätten wir gewiss alle davon, wenn Luna das Verbot der Mutter
überwände, und sich, anstatt des Scheins, an ihr Herz legte. Aber gedenke ich,
wie glücklich mich schon der Mondschein gemacht hat, in welchen süßen Frieden er
mich einschlummernd gewiegt, so möchte ich mir oft einen so frohen Untergang
wünschen, nach welchem wir vielleicht als leichte Wolkenträume in einer höheren
Ordnung der Dinge wieder auferständen.
 
                                 Siebentes Buch
                              Byzantinische Händel
  Gott legt uns die Nüsse vor,
 aber er knackt sie uns nicht auf.
                                                            Aus einem Stammbuche
                                 Erstes Kapitel
Abermals sah Hermann das tiefe gewundene Tal vor sich liegen, aus welchem die
weißen Fabrikgebäude des Oheims hervorleuchteten. Die Maschinen klapperten, der
Dampf der Steinkohlen stieg aus engen Schloten und verfinsterte die Luft,
Lastwagen und Packenträger begegneten ihm, und verkündigten durch ihre Menge die
Nähe des rührigsten Gewerbes. Ein Teil des Grüns war durch bleichende Garne und
Zeuche dem Auge entzogen, das Flüsschen, welches mehrere Werke trieb, musste sich
zwischen einer Bretter-und Pfosteneinfassung fortzugleiten bequemen. Zwischen
diesen Zeichen bürgerlichen Fleißes erhoben sich auf dem höchsten Hügel der
Gegend die Zinnen des Grafenschlosses, in der Tiefe die Türme des Klosters.
Beide Besitzungen nutzte der Oheim zu seinen Geschäftszwecken. Auch die
geistliche hatte er unter der Fremdherrschaft zu billigem Preise erworben. Lange
Gebäude, mit einförmigen Trockenfenstern versehen, unterbrachen die Linien der
gotischen Architektur auf der Höhe und in der Tiefe; der Wald, welcher die Hügel
bedeckte, war fleißig gelichtet.
    Gräfin Teophilie kam ihm entgegen, in einem Buche lesend. »Was führt Sie
her?« fragte sie ihn. Er gab eine allgemeine, ausweichende Antwort, und da er
von ihr manches über den Oheim zu erfahren wünschte, so trug er sich ihr zum
Begleiter an. Sie gingen über angenehme Busch- und Wiesenplätze. Die Bleichen
und Betriebsamkeitsstätten vermied sie, nach andern Gegenden strebte sie mit
einer gewissen Leidenschaftlichkeit hin. Er sah an solchen Stellen Rasenbänke
oder Überbleibsel ehemaliger Pavillons und Tempel.
    Sie stiegen den Berg hinauf, und standen nach einer kurzen Wendung vor dem
Seitenflügel des Schlosses. »Wenn meine Gesellschaft Sie nicht langweilt, und
die
