 Dichter erhöhte von Zeit zu Zeit die Mannigfaltigkeit dieser
Abende. Er hatte unternommen, das Leben der größten Maler in Terzinen zu
beschreiben, war so gefällig, aus diesem Werke, wie es fortrückte, vorzulesen,
und so durfte jeder, welcher an den Soireen der Madame Meyer teilnahm, hoffen,
nach und nach die Kunstgeschichte in geglätteten Versen kennenzulernen.
    Es war um die Zeit, als die »Herzensergiessungen des Klosterbruders« das Volk
zu entzünden begannen, nachdem sie viele Jahre hindurch nur in einem engen
Kreise weniger Geweihter Einfluss bewiesen hatten. Jetzt ist diese Zeit fast auch
schon wieder verschollen. Wer erinnert sich aber nicht noch jenes Sturms und
Dranges nach Kirchenfenstern, Schnitzwerk in Holz und Elfenbein, nach
unscheinbaren Tafeln, auf welchen man, wenn Schmutz und Moder weggenommen waren,
endlich ein rundes altdeutsches Gesicht erblickte. Madame Meyer teilte ganz
diese Leidenschaft, ihr beträchtliches Vermögen gab ihr die Mittel, ein
ansehnliches Besitztum jener Art um sich zu versammeln. Jedoch hielt sie,
besonders was Gemälde anging, streng auf die älteste Periode, welche ihr allein
Andacht und Begeisterung wiederzustrahlen schien. Von Raphael hätte sie
vielleicht noch etwas an- und aufgenommen; wer ihr aber mit einem Guido, oder
gar mit einem der Karaccis nahegekommen wäre, würde sie gewiss tief verletzt
haben. Ihr Kreis widersprach diesen Meinungen nicht, wiewohl man versucht sein
konnte, manche Glieder desselben, namentlich die Bildhauer, andres Sinnes zu
vermuten. Indessen mochte niemand es gern mit der angenehmen Wirtin verderben,
welche die Güte und Gefälligkeit selbst war.
    Hermann, der sich überall zu finden wusste, beschloss, diese Gelegenheit,
seine Kenntnisse zu erweitern, treulich zu nützen. Jene älteste Kunstregion war
ihm, so gut, als fremd, jetzt suchte er sich nun auf alle Weise an den
byzantinischen Tafeln aufzuklären. Die liebenswürdige Witwe war seine
gewissenhafte Führerin durch diese Schätze, und ein steigendes Wohlwollen ließ
sich ihrerseits bald nicht mehr verkennen.
    Die Gespräche der Künstler waren ihm immer lehrreich, besonders wenn sie die
Empirie berührten. Weniger fand er sich erbaut, sobald die Unterredung zum
Allgemeineren emporstieg, oder gar einen philosophischen Charakter annahm. Es
war viel von der Auferweckung eines früheren, verlorengegangnen Stils die Rede,
von der Wahl religiöser Momente, von dem Bunde der Kirche mit den Künsten, ohne
dass ihm Gelegenheit gegeben wurde, bei diesen Worten etwas Bestimmtes zu denken,
oder Hoffnungen auf das Gelingen eines Werks zu schöpfen. Ja, er nahm sogar bald
wahr, dass hier mehr ein berechneter Austausch gewisser übereinkömmlicher
Redensarten, als das Bekenntnis eines festen Glaubens und Erwartens zu walten
schien.
    Wollte ihm jedoch diese Affektation Unbehagen verursachen, so stellte die
Freundlichkeit der Wirtin immer bald seine Heiterkeit wieder her. Sie fühlte
sich im Besitze ihrer Altertümer
