 der andre,
untersetzt und knochicht, dessen nicht achtete. Er hielt eine Landkarte auf
seinen Knieen entfaltet, und redete, unbekümmert darum, dass sie nass ward, auf
seinen Genossen mit Feuer und heftiger Gebärde ein.
    »Nach acht Tagen«, rief er, »bin ich in Genf. - In vierzehn Tagen kann ich
Marseille erreichen, und wenn die Winde des Himmels dem Wunsche der Freiheit
günstig sind, so küsse ich nach sechs Wochen den Boden der heiligen Hellas.«
    »Nehmt nur eine Taschenausgabe der Klassiker mit«, versetzte der andere
lächelnd, »damit ihr die Illusion immer wiederherstellen könnt. Die Neugriechen
werden euch mitunter unsanft in euren Träumen stören.«
    »Es gilt«, versetzte der mit der Landkarte, »ein gesunkenes Volk aus den
Fesseln der Knechtschaft erlösen, es gilt, edlen Herzen eine Freistatt erobern,
wohin sie sich vor der Zwingherrschaft verrotteter Kerkermeister retten können;
es gilt, den Grundstein zu einer neuen Ordnung der Dinge legen, und du tätest
besser, Hermann, statt über das Heilige zu spotten, dich unsrem Bunde
anzuschließen. Was willst du in Deutschland?«
    »Traurig für mich, wenn ich in Deutschland etwas wollte«, erwiderte sein
Freund. »Als ob in unsrer mit Dünsten geschwängerten Atmosphäre ein Entschluss
nur entstehn, geschweige denn ausgeführt werden könnte. Aber eben, weil ich
nichts mehr will, tauge ich auch nirgend mehr hin, als nach Deutschland. Ich
habe abgeschlossen mit dem Leben. Seit ich das getan, bin ich ruhig. Ich wünsche
nichts, ich verlange nichts; die Zeit der Täuschungen ist für mich vorüber.
Tummelt ihr euch immerhin umher zwischen Schein und Irrtum, nur hofft nicht, in
mir einen Nachfolger zu finden! Ich war in London, in Paris; ich habe sie
gesehen, die sogenannten bedeutenden Charaktere der Zeit. Nun, was waren sie denn
mehr, als gewöhnliche Figuren, nur deshalb hervorragend, weil der Zufall sie auf
hohe Postamente gestellt hatte. Nein, mich soll nichts mehr betrügen, und da
jetzt an einen großen Inhalt des Lebens doch nicht zu denken ist, so will ich
meine Tage wenigstens heiter hinleben. Ohne Zweck und Ziel sollen mir die
Stunden verfliessen, denn Zweck ist nur ein andres Wort für Torheit, und wenn man
sich ein Ziel setzt, so kann man wohl gewiss sein, dass man von dem Strudel der
Umstände in entgegengesetzter Richtung fortgerissen wird.«
    Der Freund stand auf, faltete die Landkarte zusammen, und sprach sehr
ernstaft: »Diese Reden klingen wie die Philosophie der Verzweiflung. Möge dich
Gott bald von solcher Sinnesart heilen! - Der Mensch muss würdige Entwürfe
verfolgen, darin besteht sein eigentliches Leben. Was man recht will, das
