 geschickter
Baumeister nicht daraus ein neues Gebäude solle herstellen können. Aber das ist
gewiss, der schönste Anblick wird uns, wenn wir die Blume unter Trümmern blühn
sehen. Dann ergreift uns ein liebliches Gefühl von Entstehn und Vergehn, von Lust
und Trauer. Mögen die Männer Ihres Standes immerhin eine schwierige Aufgabe
haben, für die Weiblichkeit bleibt er doch immer noch der günstigste Boden, ihre
zartesten Erscheinungen herauszufördern. Grade diese Konvenienzen, Erinnrungen
und Schranken, welche in den übrigen Ständen vor der sogenannten praktischen
Richtung fast ganz verschwanden, und bei Ihnen doch wenigstens zum Teil noch
gelten, sind dem Wesen einer Frau so gemäß. Ich möchte es, wenn Sie den Ausdruck
nicht missverstehn wollen, auch nur eine liebenswürdige Fiktion nennen. Mit
Frauenzimmern des Bürgerstandes, wenn sie überhaupt aus der gleichgültigen Menge
sich durch irgend etwas sondern, kann der Mann sich immer vergleichen, sie sind,
was sie haben, sei es Geld, Verstand, Tüchtigkeit; und nichts ist der Empfindung
nachteiliger, als die Vergleichung, zu welcher sich Ihre Schwestern in jenen
Sphären nur zu unvorsichtig drängen. Aber in Ihrem Stande habe ich noch Frauen
gesehen, die von nichts getragen und behütet sein wollten, als von anmutigen
Myten. Wie gewinnend ist der Zauber reizender Hülflosigkeit! Wie saugen sich
unsre Sinnen fest an dem, was in jedem Augenblicke ihnen verschwinden kann, eben
weil es nur ein wunderbarer Schein ist. Ja, hier überwältigt uns eine trunkne
Schwelgerei, in der Gewalt der Empfindung wenigstens das süße Nichtige zu
verewigen; eine schwärmende Wonne, vergleichbar den Entzückungen der
Kunstentusiasten, den Verzückungen des Andächtigen. Ich möchte behaupten, meine
Fürstin, dass ein recht männlicher Mann jetzt nur eine Dame von Adel lieben
könne.«
    Die Herzogin lächelte. »Sollte man nicht glauben, dass Sie in eine verliebt
seien?« sagte sie. »Ich wünschte nur, dass Ihre Gesinnung bei unsern jungen Herrn
Verbreitung fände. Dann würde es mehr Freiwerber als harrende Jungfraun geben,
statt dass jetzt das umgekehrte Verhältnis sichtbar ist, weil man leider weiß,
dass der Erbe die Güter und die Tochter den Segen bekommt.«
    Der Arzt hatte sein gewöhnliches kaltes Wesen wieder angenommen, und sagte:
»Was den Domherrn betrifft, so habe ich mich einigermaßen gewundert, dass er hier
so wohl empfangen ward. Er hat sich durch seine Unzuverlässigkeit überall außer
Kredit gesetzt.«
    »Da er früher ab- und zuging, so müssen wir ihn auch jetzt gelten lassen,
obgleich wir uns wenig aus ihm machen«, erwiderte die Herzogin.
    »Es ist sonderbar, wie die Natur sich durch Kontraste im Gleichgewicht zu
halten pflegt«, fuhr der Arzt fort. »Er, der an nichts, und an dem nichts
haftet,
